Amel Andessner: “Mirko ist mein Werk.”

 

Am 5. März 2010 führte ich mit Amel Andessner ein längeres Gespräch unter anderem zu ihrem Alter Ego “Mirko”, den sie 2005 im Zuge eines Projekts auf der Kunstuniversität Linz geschaffen hatte. Mein Ausgangspunkt für das Gespräch war aber das Interesse dafür, welchen Zugang Menschen aus meinen Umfeld zum Thema Beruf und Arbeit haben.

Amel Andessner: Als ich das (Anm.: siehe „Hintergrund“ am Interviewende) geschrieben habe ist mir eingefallen, dass es bei diesem Gespräch ja um Arbeit gehen soll. Da habe ich mir gedacht: das muss ja total komisch sein für einen Leser, weil für den heißt ja Arbeit wahrscheinlich was ganz anderes als jemanden erfinden! Während des Schreibens ist mir auch eingefallen, was für mich eigentlich Arbeit heißt. Ich kenne schon das „normale“ Arbeiten – also Geldverdienen – auch. Aber meine Arbeit, die hört sich irgendwie „wahnsinnig“ an … ich meine, wenn ich es als Arbeit erachte, jemanden zu erfinden und mir da Gedanken mache.

Was bedeutet „Arbeit“ für dich? Wie würdest dich du selbst bezeichnen?

Momentan würde ich mich als Bildende Künstlerin bezeichnen. Ich bin gerade offiziell arbeitslos, wenn ich aber eine Arbeit hätte – zB Kunstvermittlerin – und damit Geld verdiente, dann würde ich sagen: ich bin Bildende Künstlerin und verdiene mein Geld mit Kunstvermittlung. Ich kann mich momentan aber auf meine künstlerische Arbeit konzentrieren und merke dabei, dass mich das eigentlich total ausfüllt, dass das für mich Arbeit ist. Das habe ich früher nie so gesehen. Da habe ich eher das Künstlerische als das Nebenbei empfunden. Jetzt, wo ich das Künstlerdasein ausprobieren kann, wird mir erst bewusst, was es eigentlich beinhaltet. Einerseits das Organisatorische aber auch, Konzepte zu schreiben und die Überlegung, wie man seine Sachen finanzieren kann. Das sind eigentlich die Hauptpunkte – das Organisatorische, eigene Ideen entwickeln und der kreative Prozess, den man von außen gar nicht sieht …

Das wird dir jetzt erst so richtig bewusst?

Irgendwie schon, weil ich erst jetzt so richtig frei arbeiten kann, also mit dem Studium fertig bin und dort keine Verpflichtungen mehr habe. Ich probiere das jetzt eigentlich zum ersten Mal aus.

Du siehst dich jetzt als Bildende Künstlerin. Wie sieht deine bisherige Laufbahn aus?

Ich habe Experimentelle Visuelle Gestaltung studiert. Während des Studiums habe ich gesagt: „ich arbeite künstlerisch und studiere gerade Kunst“ und so weiter aber ich hätte mich nie als Künstlerin bezeichnet. Ich habe den Begriff zwar in den Einreichungen schon immer verwendet, weil mir jemand gesagt hat, dass es wichtig ist, sich selbst diese Wertschätzung entgegen zu bringen. Jetzt, wo ich fertig bin, nicht dadurch, dass ich den Magister in Kunst habe, sondern dadurch, dass ich wirklich frei arbeite, sage ich: im Moment bin ich Bildende Künstlerin. Ich weiß aber nicht, wie sich das weiterentwickelt. Kann schon sein, dass sich alles in eine andere Richtung weiterentwickelt …

Ein wichtiges Projekt aus deiner unmittelbaren Vergangenheit ist „Mirko“.

Ja, ich habe die Figur „Mirko“ erfunden. Am Anfang war es zumindest eine fiktive Figur, mittlerweile ist es eine reale Person. Diese Figur spiele ich selbst – ich habe Mirko bei Live-Performances gespielt, aber auch bei zwei Videoprojekten …

Worum geht es bei „Mirko“? Was hat zur Entstehung dieser Figur geführt?

Eigentlich die Frage: was ist männlich und was ist weiblich? Ich wollte wissen, ob es funktioniert, dass man sich selbst als das andere Geschlecht verkleidet und anhand von Geschlechtercodes, die man sich aneignet, die Illusion erschafft, das man jemand anderes ist – ein Mann. Ich wollte beweisen, dass es nur Äußerlichkeiten sind, die unseren Begriff von männlich und weiblich ausmachen. Deshalb habe ich gedacht, dass ich einfach ein paar Oberflächlichkeiten zusammensammle und es damit ausprobiere. Zum Beispiel: männliche Körperhaltung, beziehungsweise das, was wir als männliche Körperhaltung empfinden – es gibt ja auch Männer, die keine solche Körperhaltung haben und trotzdem als männlich empfunden werden. Oder männliche Bewegungen beim Gehen, beim Sitzen, aber auch das Äußere – dass man zum Beispiel einen Bart hat.

Wie setzt sich die Gesellschaft mit der Frage der Geschlechterrollen und –identitäten auseinander?

Eigentlich gar nicht – zumindest nur auf eine sehr oberflächliche Art und Weise. Es hat sich zwar heute mehr oder weniger durchgesetzt, dass man immer die weibliche Form mitspricht, aber die wirklichen Themen – also „was ist männlich und was ist weiblich?“ und „warum ist das in zwei strenge Gefäße gepackt?“ –: ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Gesellschaft damit befasst.

Ist das ein Problem?

Ja. Es wird für mich dann zum Problem, wenn Menschen, die sich nicht einordnen lassen, benachteiligt werden. Diese Gedanken bringen mich immer wieder zurück zum Thema Transsexualität, denn Transsexuelle sind einfach Menschen, die für die meisten anderen Menschen nicht in dieses Schema passen. Außer sie lassen sich umoperieren. Aber solange sie noch „dazwischen“ sind oder einfach „dazwischen“ bleiben möchten, wollen das viele nicht verstehen. Wenn ich sage, dass es ein Nachteil für manche ist, dass sie nicht in dieses Schema passen, meine ich zum Beispiel, dass transsexuelle Personen das Geschlecht im Reisepass nur umschreiben lassen können, wenn sie sich auch operieren lassen. Es gibt so viele Transsexuelle, die das aber nicht wollen. Für die meisten Menschen bleiben diese Menschen dann „Zwischenwesen“ oder so, man versteht das irgendwie nicht und fragt: „will sie jetzt ein Mann werden oder eine Frau bleiben?“ – über eine solche Sichtweise kann ich mich total aufregen. Das finde ich so unmenschlich.

Diese Normierung?

Genau. Es gibt doch so viele Facetten zwischen männlich und weiblich. Warum wird das nicht wertgeschätzt? Es passiert anscheinend noch immer, dass, wenn ein Hermaphrodit auf die Welt kommt – also das äußere Geschlecht nicht klar ist – einfach herumgeschnipselt wird bei dem Baby, bevor sich irgendetwas entwickeln kann und man noch nicht weiß, ob sich die Person als Mann oder Frau fühlen wird. Kann man das nicht später herausfinden? Ich finde das total arg! Da wird so einfach darüber hinweg entschieden. Da wachsen Menschen als Frau auf, die gar keine Frauen sind und das ganze Leben lang unglücklich sind und nicht wissen wieso. Darum glaube ich, dass es notwendig ist, das alles stärker zu thematisieren. Da gibt es ziemlichen Nachholbedarf.

Ein Aspekt der dich in deiner Arbeit anscheinend auch beschäftigt hat, ist, dass du als Ursprungsperson durch die Verwandlung (in Mirko) verschwindest. Durch die Verkleidung …

Das ist etwas, was mich extrem fasziniert hat und immer noch fasziniert. Ich fühle mich komplett anders, wenn ich das Gewand anhabe. Das hinter-eine-Maske-zurücktreten und Verstecken macht total Spaß, meistens. Manchmal habe ich mich im Nachhinein aber auch komisch gefühlt, als ob mich irgend ein Geist besetzt hätte. Aber mich fasziniert das Thema sehr. Deshalb faszinieren mich auch Personen wie Falco, die eine Figur erfinden und diese Figur wird dann real.

Das „Verschwinden“ hinter einem Charakter entdeckte ich in einer Dokumentation über Veroschka – das ist ein Model. Sie hat beschrieben, dass sie als Model erst dann berühmt wurde, als sie den Charakter Veroschka erfand, als sie sich selbst dahinter verstecken konnte. Erst von da an konnte sie – beziehungsweise Veroschka – selbstbewusst auftreten. Sie meinte in einem Interview, dass sie es sehr genießt, wenn sie sich hinter diesem Charakter verstecken kann, weil sie sich selber eigentlich nicht mag. Mir ist aufgefallen, dass das bei Mirko auch so ist. Wenn ich ihn spiele habe ich das Gefühl, dass ich dann nicht mehr da bin. Da ist dann jemand anderer.

Ist das angenehm?

Am Anfang fand ich es klasse, geil und lustig. Aber manchmal war es gar nicht angenehm. Nach Live-Auftritten fühlte ich mich richtig leer. Es kann sehr anstrengend sein, besonders wenn man einsam bleibt. Eine Seite von Mirko ist nämlich, dass er sehr distanziert ist anderen gegenüber. Ich habe als Mirko nie mit anderen gesprochen. Anfangs schon, da habe ich immer getanzt und war der Mittelpunkt. Es gab allerdings so Male, da war ich absolut nicht der Mittelpunkt und fand keinen Anschluss zu anderen Menschen. Dann fühlte ich mich so richtig leer.

Würdest du es als Arbeit bezeichnen, Mirko zu performen?

Wenn ich zurückdenke, wie Mirko entstanden ist … da steckt viel Arbeit dahinter. Alleine die Verkleidung, das Tanzen üben … Für Live-Auftritte habe ich teilweise Choreographien einstudiert – wie ein Tänzer. Die ganzen Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe … Ich bin auch ein paar mal ausgegangen als Mirko und das war wirklich harte Arbeit. Wie Bühnenauftritte. Das habe ich maximal zwei Stunden ausgehalten, weil es so anstrengend war. All das gehört dazu zur Entwicklung des Charakters.

Das Projekt „Mirko“ ist wichtiger Teil deiner Künstlerinnenbiografie. Wenn du das in die Zukunft projizierst: ist der Künstlerinnenberuf das richtige Medium, um deine Vorstellungen und Wünsche umzusetzen?

Im Moment schon. Mir gefällt die Arbeit. Derzeit habe ich eine Ideensammel- und Vorbereitungsphase und ich mag es auch wirklich, aktiv ein Projekt anzuziehen, mit Leuten zusammenzuarbeiten. Am liebsten, wenn ich die Chefin bin (lacht)! Mein wahrer Traumberuf geht aber in die therapeutische Richtung. In der Vorstellung ist es zumindest mein Wunsch für später.

Warum das?

Es gibt so viele Leute mit psychischen Problemen und Problemen mit ihrer Identität. Mir gefällt es, Menschen zu helfen, damit sie für diese Probleme eine Lösung finden.

Welche konkreten Probleme meinst du?

Ich kenne viele Leute, die große Probleme haben mit sich selbst und sich nicht damit beschäftigen und die ganze Zeit nur jammern. Das ärgert mich richtig, denn man kann etwas dagegen tun. Manchmal habe ich das Gefühl: „He, es wäre doch so einfach. Tu doch das und das … Aber die machen das dann nicht!“ (lacht). Für mich ist es so, als ob ich ein Rätsel löse. Ich stelle mir vor, wenn ich lernen würde, wie das geht und auf beruflicher Ebene praktizieren könnte, würde mir das gefallen und Spaß machen. Dann wäre das Thema in meinem Privatleben vielleicht nicht mehr so präsent.

Hintergrund
„‚Mirko. Ich habe ihn erschaffen. Ich habe ihn zum Leben erweckt. Mirko ist mein Werk.’ – mir gefällt das, weil es größenwahnsinnig klingt in meinen Ohren. Wie Frankenstein. Mirko ist eine Figur, ein Charakter, den ich 2005 entwickelt habe und auch selber spiele. Ich habe diese Figur schon in 2 Videoprojekten und einigen Performances verwendet, also mehrere Werke erschaffen mit ihm. Aber er selber ist auch ein Werk, das wichtigste Werk für mich. Ausschlaggebend war ein Fotoprojekt einer Studienkollegin. Sie hat sich selbst als Mann inszeniert und das hat mich maßlos fasziniert. Dass ein Mensch sich durch einfache Tricks in eine andere Person verwandeln kann – oder besser, in einer anderen Person verschwindet. Dass die ‚Ursprungsperson’ selbst nicht mehr sichtbar ist.

Dann habe ich selber begonnen, mit Verkleidungen herumzuexperimentieren. Aus meiner Statur heraus hat sich das Profil von Mirko ergeben – da ich schlank und (für einen Mann) klein bin, brauchte ich etwas, das meinen Körper kaschiert: weite Skaterkleidung. Mein Gesicht ist schmal und lang, also passte kein Vollbart, sondern ein zarter, schmaler Oberlippenbart. Meine langen Haare konnte ich auch nicht integrieren, also brauchte ich eine Kapuze oder einen Hut. Und der Rest; Gesichtsausdruck, Körperhaltung, Gang hat sich wie von selbst ergeben. Ich habe versucht, als Mirko zu tanzen, und ich war erstaunt, welche Bewegungen da herausgekommen sind. Da hab nicht ich getanzt, sondern … ja, Mirko. Mirko ist für mich schon lange keine Verkleidung mehr, ich empfinde ihn als realen Charakter. Er ist genauso real wie ich, oder genauso irreal oder genauso konstruiert. Am Anfang dachte ich: Ich bin real und Mirko ist erfunden. Dann hat Johanna Schaffer in einem Gespräch zu mir gesagt: ‚Aber Mirko ist ja auch du’ und hat mich auf die Theorie von Judith Butler hingewiesen, dass Geschlecht an sich nur konstruiert ist, also auch eine Erfindung. Durch die weitere Auseinandersetzung mit Mirko hab ich immer mehr mit dieser Theorie anfangen können. Durch die Erfahrungen, die ich machte, wenn ich über Mirko sprach oder wenn ich als Mirko verkleidet in Lokalen aufkreuzte oder bei meinen Freundinnen.

Einmal hab ich einem Bekannten ein Foto von Mirko gezeigt und seine Reaktion war: ‚He, den Typen kenn ich!’. Das hat mich sehr gefreut.“

Amel Andessner über ihren selbstgeschaffenen Charakter „Mirko“

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