Catherine Köppl: Systeme bilden, die etwas aufbrechen

 

Die Ergotherapeutin, Coach und CranioSacral-Therapeutin Catherine Köppl habe ich im Rahmen eines Mentoring-Programms der Wirtschaftskammer OÖ kennengelernt. Wir haben bald erkannt, dass uns ähnliche Themen beschäftigen: Selbstverantwortung, Zivilcourage und Lebendigkeit! – Wir treffen uns also mit der Intention zum Gespräch, einfach voneinander zu lernen. Es entsteht der Wunsch, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und obendrein ein kleines Modell, das Kooperationsdimensionen von Ein-Personen-Unternehmen darstellt.

Wie ist es gekommen, dass du dich selbstständig gemacht hast?

Während meiner Zeit als Angestellte sind immer wieder Leute auf mich zugekommen und haben mich ermutigt, mich selbstständig zu machen. Ich sei der Typ dafür! Ich wollte allerdings nie alleine arbeiten, sondern lieber in einem Team, wo alle gleichberechtigt etwas beitragen können. Als EPU ist man relativ alleine – das war mir immer schon klar und ich konnte es mir deshalb nie vorstellen, selbstständig zu sein.

Ich war im Sozialbereich angestellt, wo ich die Arbeitsbedingungen teilweise als fragwürdig empfunden habe. In einem Tätigkeitsfeld in dem KundInnen in ihrer psychosozialen Gesundheit gefördert werden sollten, wird durch Arbeitsbedingungen häufig verhindert, dass MitarbeiterInnen ihre Arbeit in einer der Gesundheit förderlichen Weise erledigen können. Ich frage mich: Wie soll das funktionieren – wenn die Prinzipien, nach denen ich meine Kund/-innen berate, im Unternehmen gegensätzlich gelebt werden? Ich wollte in so einem System nicht mehr arbeiten. Deshalb habe ich aus gutem Grund entschieden: Jetzt mache ich mich selbständig!

Du hast deine Konsequenzen gezogen. Hattest du das Gefühl, dass du durch den Weg in die Selbstständigkeit wieder zu einer Balance finden würdest?

Genau; dass ich nicht bei Sachen mitmachen muss, wo viele sagen: „Das ist ein Wahnsinn!“ – aber trotzdem mitmachen.

Kennst du auch andere, die sich für einen Weg ähnlich deines eigenen entschieden haben?

So radikal, dass man ganz kündigt – da gibt es sehr wenige. Viele bleiben in Teilzeit angestellt und arbeiten nebenbei ein paar Stunden selbstständig.

Was stellst du als Selbstständige zur Verfügung?

Ergotherapie, CranioSacrale Therapie mit dem Schwerpunkt Somato-Emotionale Entspannung und Selbsterfahrungs-Seminare bzw. Coaching. Ich verbinde auch häufig Elemente aus der CanioSacralen Therapie mit Coaching-Elementen.

The network is not enough …

Was ist die Vision deiner Arbeit als Selbstständige in dem Bereich?

Ich möchte gerne mit anderen zusammenarbeiten und gemeinsam etwas größeres Ganzes verwirklichen. Themen, die mich beschäftigen sind Selbstverantwortung und Zivilcourage. Hier möchte ich mit anderen ExpertInnen zusammenarbeiten und große Wirksamkeit entfalten. Denkbar wäre, etwas wie einen Verein für Selbstverantwortung und Zivilcourage zu gründen.

Wie sehen dein berufliches Modell und deine Kooperationen momentan aus?

Ich arbeite im Netzwerk. Dort ist es allerdings so, dass der Unterschied zwischen der Ambition, zusammenzuarbeiten und der tatsächlichen Zusammenarbeit relativ groß ist. Ich denke mir, dass das noch nicht optimal ist.

Ist das Netzwerk als Organisationform noch nicht die optimale Form, um das in die Welt zu bringen, das dich bewegt?

Ich bräuchte mehr Menschen, die auf dasselbe hinarbeiten – die mein Anliegen teilen.

Siehst du dein Arbeiten als EPU (Ein-Personen-Unternehmen) als eine Übergangsphase?

Ja.

Bei mir taucht ein Gedanke auf: Mir kommt es so vor, als ob viele „alte“ Organisationen heute nicht mehr in der Lage sind, weder die Bedürfnisse der Kunden noch jene ihrer Mitarbeiter zu erfüllen. Was deshalb stattfindet: Einzelne gehen den Weg aus den Organisationen und versuchen sich als EPUs, auch um experimentell zu „neuen“ Organisationsformen zu finden. Was wohl diese neuen von den alten Organisationen unterscheidet?

Viele dieser Organisationen, die du als „alt“ bezeichnest, sind genauso mit idealistischen Vorstellungen gestartet. Was müssen wir anders machen, damit unser Feuer nicht erlischt? Ich glaube ja schon, dass sich das Denken verändert hat. Für mich ist in der „neuen Organisation“ Selbstverantwortung ein zentrales Thema. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und man verfolgt ein gemeinsames Ziel, das alle verbindet. Heute ist es noch immer ein „entweder oder“ – entweder es gibt eine Organisation, die einen anstellt, oder man arbeitet in Netzwerken, die oft sehr lose sind und wo trotzdem jeder vor allem darauf aus ist, seinen eigenen Teil vom Kuchen zu bekommen. Mir gefiele es gut, wenn in der „neuen“ Organisation die Idee absolut in der Mitte stehen könnte. Rund um die Idee finden sich Gleichgesinnte – also Menschen, die für die gleiche Sache brennen. Ich bin davon überzeugt, dass man gemeinsam mehr erreichen kann als alleine.

Dieses Bedürfnis, Sinn und Zweck in das Zentrum zu stellen und gemeinsam daran zu arbeiten – sagen wir, Zivilcourage und Selbstverantwortung in die Welt zu bringen – begegnet mir in Gesprächen in meinem Umfeld immer wieder. Was viele verbindet: Der Wunsch, neue Projekte und Organisationen zu schaffen, die ihnen ermöglichen, ihre Anliegen umzusetzen … Was mir in dem Zusammenhang einfällt: Es gibt gerade eine kleine Renaissance des Genossenschaftsmodells, das als Organisationsform für EPUs wiederentdeckt wird. Pioniere sind hier die AktivistInnen von Otelo, die 2014 eine Genossenschaft gegründet haben. Die Genossenschafter arbeiten alle selbstständig, sind aber gleichzeitig Angestellte der Genossenschaft. Das schafft eine Verknüpfung von Eigeninitiative, Gemeinsamkeit, Sicherheit und Kommunikation. Im besten Fall unterstützt es Menschen, an den Dingen arbeiten zu können, die sie bewegen.

Wir müssten doch auch schaffen, so etwas auf die Füße zu stellen.

Ein Modell – EPU Ebenen der Interdependenz

Die Frage ist: Wie könnten wir konkret voneinander profitieren?

Zuerst müssten wir festlegen, ob es uns um die gleichen Dinge und Ziele geht oder nicht. Das ist am wichtigsten. Dann könnten wir daran arbeiten. Warum möchte ich zusammenarbeiten? Geht es um die gemeinsame Sache? Was steht im Vordergrund?

Was ist der Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Arbeitens? Welche Hoffnungen verbinden wir damit? 

Prinzipiell geht es darum, dass jeder gewisse Ressourcen einbringen kann in eine Zusammenarbeit und dass alle davon profitieren können.

Das ist die Basis und in unserem konkreten Fall passiert das ohnehin schon. Das zeigt auch dieses Gespräch. Ich möchte das die Reflexions- und Austauschebene nennen, auf der man sich gegenseitig bereichern kann und wo man schnell voneinander profitieren kann.

Da geht es auch darum, neue Sichtweisen einzubringen und voneinander zu lernen.

Wenn man weiter in die Tiefe geht gelangt man zur nächsten Ebene: Hier kann man von konkretem Know-how profitieren. Zum Beispiel könnte ich dich mit meiner Expertise im Kontext Marketing unterstützen.

Sehen wir uns unsere konkreten Leistungspaletten an. Wie kann ich dich unterstützen? Was kann ich besonders gut? Was kannst du besonders gut?

Eine weitere Ebene betrifft das Thema Infrastruktur. Hier geht es darum, wie und ob man gemeinsame Räume, Technik oder Zugänge nutzen kann. Zum Beispiel brauche ich einen schönen Raum für ein ruhiges Gespräch und möglicherweise kann ich den Raum günstig bei dir mieten.

Und ich brauche vielleicht Literatur über die du verfügst …

Schließlich gelangen wir auf die Ebene der konkreten Zusammenarbeit. Hier setzt man gemeinsame Projekte um oder entwickelt Dienstleistungen. In diesem Bereich kann es zur Überlappung von Auftraggebern und Kunden kommen und es können Synergien entstehen. 

Das ist das Ziel. Ich bin mit ganz vielen Kollegen und Kolleginnen auf der Ebene des Austauschs und der Reflexion in Kontakt und das ist für mich gut abgedeckt, doch auf die Ebene konkreter Zusammenarbeit zu kommen – das ist eine Herausforderung.

epu_interdependenz

Visionen und gemeinsame Ziele

Man braucht eine starke Vision, ein gemeinsames Bild.

Die habe ich!

Du hast eine Vision, aber möglicherweise habe ich eine andere. Es braucht eine gemeinsame Vision bzw. Ziele, die in gutem Einklang miteinander sind. Erzähl mir deine Vision und es kann sein, dass du mich ansteckst. Wir sollten zu einem starken gemeinsamen Bild gelangen, das tragfähig ist.

Vision klingt super. Was ist deine Vision?

Ich möchte Räume für Lebendigkeit schaffen und gestalten. – So lautet mein grundlegendes Anliegen, das allen meinen Aktivitäten zu Grunde liegt.

Was heißt Lebendigkeit für dich?

Räume aufmachen, wo Menschen Kontakt zu sich finden und ihre Lebendigkeit spüren können. Das müssen nicht unbedingt physische Räume sein. Es kann sein, dass man Menschen die Gelegenheit gibt, Dinge auszusprechen, die ihnen wichtig sind und ein sicherer Rahmen dafür sorgt, dass andere respektvoll und tief zuhören. Mit diesem und weiteren Ansätzen gelingt es Menschen und Gruppen, zu ihren wahren Anliegen und Zielen vorzudringen. Sie erkennen: Was ist mir wichtig? Worum geht es mir? Ich möchte vor diesem Hintergrund mit Gruppen in Organisationen und in anderen Zusammenhängen arbeiten.  

Lebendigkeit spielt auch für mich eine wichtige Rolle. Mein Bild ist: Wir sind wie die Lemminge, die auf den Abgrund zulaufen und je näher wir uns dem Abgrund zubewegen, umso schneller laufen wir. Viele machen mit. Menschen die mit Lebendigkeit auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren sind Mangelware. Ich drücke das mit Selbstverantwortung und Zivilcourage aus und meine damit, dass man zu dem Punkt kommt: „He, Moment mal! Das ist mein Leben und ich kann da etwas gestalten!“ Wir müssen wieder beginnen, zu erkennen, dass wir auch Systeme bilden können – und zwar erfolgreiche Systeme, die etwas aufbrechen! Was mir auch ganz wichtig ist, ist den Zusammenhang zwischen Selbstverantwortung und sozialer Verantwortung sichtbar zu machen.

Danke für das belebende Gespräch!

Website – ergosystem / Catherine Köppl

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