Christoph Wiesmayr: “Hinterfragen geht nur in Gesellschaft”

 

Christoph Wiesmayr ist Architekt. Er wuchs auf einem Bauernhof im Linzer Industriegebiet auf. Die Besonderheiten seiner Herkunft erschlossen sich ihm erst aus der Ferne. Jetzt beschäftigt er sich intensiv mit den verbliebenen Freiräumen des Linzer Ostens, den er„Schwemmland“ nennt. Ich habe ihn gemeinsam mit Amel Andessner in seinem Gemeinschaftsbüro am Hafen besucht. Dabei haben wir erfahren, wo die teuersten Karotten in Europa angebaut werden.

TK: Woher kommt dieser Christoph Wiesmayr und wohin geht er?

CW: (Lacht) Woher ich komme ist relativ einfach erklärt. Wohin ich gehe ist wahrscheinlich schwieriger zu erklären. Ich bin im Linzer Osten auf einem Bauernhof mit 1,2 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche mitten im Industriegebiet aufgewachsen. Die Landwirtschaft meiner Eltern ist auch heute noch existent. Mein Bruder ist gerade dabei, sie zu übernehmen. Im Rahmen meines Architekturstudiums in Graz ist mir zum ersten Mal so richtig bewusst geworden wo und in welchen Verhältnissen ich eigentlich aufgewachsen bin. Es gab damals ein Seminar, in dem wir mit Plastilin auf kleinem Maßstab unser Zuhause nachmodellieren sollten. Da ist mir beispielsweise aufgefallen, dass der Niveauunterschied recht spannend ist: rund um unser Grundstück ist der Raum nach dem Krieg mit Schutt und Abfallmaterial aufgeschüttet worden.

AA: Das heißt, euer Grundstück liegt tiefer als der Rest des Gebiets?

CW: Genau. Das Grundstück ist noch am ursprünglichen Auboden situiert. Das war ja ursprünglich Überschwemmungsgebiet und es ist für die Betriebe, die sich nach dem 2. Weltkrieg angesiedelt haben, aufgeschüttet worden. Die Auseinandersetzung mit dem Kontrast unseres Grundstücks im Vergleich zum unmittelbaren Umraum war plötzlich sehr spannend für mich. Früher war das einfach Alltag und ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht, was daran besonders ist. Ich habe nur in der Schule gemerkt, dass meine Klassenkameraden mich doch anders wahrgenommen haben. Ja, ich war merklich jemand anderer: ein Bauernbub, der irgendwie anders gekleidet ist. Das war für mich zwar egal, aber andererseits schon ein Cultural Clash. Ich bin also eigentlich vom Land gekommen und war doch auch Städter. Diese beiden Stränge sind in mir vereint.

TK: Es hat die Distanz des Studiums gebraucht, um diesen veränderten Blick auf deine Herkunft zu bekommen …

CW: Das ganze Drumherum und welche Geschichte diese Gegend hat – das war für mich plötzlich sehr spannend. Viele meiner Generation wissen ja gar nicht, was hier alles passiert ist. Unser Grundstück kann auf etwas Früheres verweisen, das jetzt nicht mehr vorhanden ist aufgrund der Versiegelung der Flächen. Der Kontrast, der spürbar wird, wenn man auf unser Grundstück kommt, macht etwas sichtbar. Ich meine, dass es diese Kontraste generell braucht in der Stadt. Wenn alles gleich homogen gestaltet ist, gibt es nämlich nichts mehr, das etwas Anderes aufzeigen könnte. Deswegen setze ich mich auch für mein Zuhause ein, weil ich es plötzlich als etwas Besonderes empfinde. Das habe ich vor meinem Studium nicht so gesehen.

TK: Diese Thematik der Zwischenräume hat dich auch in deiner Diplomarbeit beschäftigt. Ich habe sie zum großen Teil gelesen und finde sie inhaltlich spannend und super aufbereitet – ein recht imposantes Werk! Beim Lesen und Ansehen habe ich einen neuen Blick auf diese Gegend hier entwickeln können. Ein sehr poetisches Zitat von dir aus der Arbeit möchte ich herausgreifen: „Es gibt für mich keinen anderen Ort wie diesen, der mich so intensiv bewegt, mich aufs neue herausfordert und entdecken lässt, mich prägt, mich quält, mich fasziniert und dabei sämtliche Antworten offen lässt. Er ist mein Zuhause, das meinen Körper durchströmt und mit mir überall ist.“ Auf welche Fragen suchst du Antworten?

CW: Auf die Fragen, welche die Landschaft, die uns hier begegnet, offen lässt – wenn man hier geht und sich fragt, wie diese Gegend vor einem halben Jahrhundert ausgesehen hat. Damals war das Au-Landschaft. Was hat sich hier seither verändert? Wie ist das entstanden? Es gab keinen klaren Masterplan, der auf den Millimeter genau vorgegeben hätte, wo sich die Firmen genau ansiedeln können oder sollen. Man hat hier eigentlich nur die Industriezeile geplant und die Stichstraßen Richtung Osten, wo sich die Betriebe ansiedeln konnten. Das war schon alles. Im Prinzip war das Wildwuchs. Das hat eine Flexibilität hervorgebracht, welche die Entstehung gewisser Frei- und Resträume ermöglicht hat.

AA: Ist es eher zufällig passiert, dass der Raum deines Elternhauses freigeblieben ist?

CW: Meinen Eltern stand es frei, die Landwirtschaft weiter zu betreiben. Andere Masterpläne würden in einer solchen Situation aber einfach drüber fahren, und sagen: Ihr müsst schauen, dass ihr wegzieht, weil wir haben was anderes vor! Eigentlich ist es eh fast genau so: Der aktuelle Flächenwidmungsplan sieht vor, dass alles inklusive der Landwirtschaft meiner Eltern Betriebsbaugebiet ist. Das hat einen hohen Druck auf unser Zuhause zur Folge. Man könnte auch sagen: meine Eltern bauen die teuersten Karotten in Europa an.

TK: Das sind also lukrative Flächen hier.

CW: Meine Eltern haben eine starke Verbindung zum Acker und ihren Anbauflächen. Es ist ja nicht nur eine Berufung sondern auch eine Wertschätzung, das anbauen zu können, was man möchte und das auch essen zu können. Viele andere Höfe haben schon verkauft. Da ist jetzt Gewerbe angesiedelt. Unser Hof ist eine eher kleinere Struktur. Die Kombination mit der Berufsdonaufischerei war immer eine kleine Absicherung für meine Eltern und sie haben auch einen Teil des Grundes verpachtet. Ohne dieses Einkommen hätten sie hier nicht überleben können. Allein von der kleinen Landwirtschaft wäre das nicht möglich. Durch die Kombination von unterschiedlichen Geldquellen konnten wir hier überleben. Mein Bruder und ich wollen das beibehalten. Wir sehen, dass das eine besondere Qualität hat. Andere Menschen besuchen uns gerne und schätzen dieses Abtauchen in ein Stück Land in der Stadt. Jetzt arbeiten wir an Konzepten, wie mein Bruder das in Zukunft weiterbetreiben kann. Wir haben beispielsweise in diesem Jahr einen Gemeinschaftsgarten gegründet. Da schauen wir, welche Synergien der Arbeitsteilung sich ergeben oder welche neuen Aspekte des gemeinsamen Anbaus es geben kann.

TK: Genauso wie dieser Hof ein Zwischenraum ist, gibt es auch andere Räume, mit denen du dich in dieser Umgebung beschäftigt hast. Was interessiert dich an diesen Orten und welche Perspektive siehst du dafür?

CW: Meine Diplomarbeit habe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Bernhard Gilli gemacht. Er ist in Graz und ich in Linz aktiv. Wir haben das „Schwemmmland“ gemeinsam als Initiative gegründet. Mittlerweile sind wir ein Verein. Wir setzen uns für die Restflächen, die es in diesem Gebiet noch gibt, ein. Wenn man von oben auf dieses Gebiet schaut, dann sieht man eigentlich kaum mehr Leerstellen. Das meiste ist verbaut. Das widerspiegelt sich im aktuellen Polderprojekt der Stadt Linz, bei dem Wasserfläche abgerungen wird, um neue Betriebe im Linzer Hafen ansiedeln zu können.

TK: Es gibt also einen starken Druck seitens der Betriebe, neue Flächen zu erschließen?

CW: Das meiste ist schon verbaut und Linz ist an seine Grenzen im Osten gestoßen. Es gibt in die Fläche keine Entwicklungsmöglichkeiten, sondern nur die Möglichkeit einer Verdichtung. Es ist aber in diesem heterogenen Gebiet schwierig der Höhe nach zu verdichten. Wir sprechen uns für die Freiräume aus, die es in der Gegend noch gibt, die eine besondere Qualität bieten und die für die Stadt in Form von Erholungsflächen oder von Möglichkeiten für die Zukunft, wo etwas passieren kann, wofür normalerweise in der Stadt kein Platz mehr ist, sehr interessant sein können.

TK: Was sind das für Orte?

CW: Vergangenes Jahr haben wir zusammen mit unterschiedlichen Institutionen der Stadt eine Veranstaltung durchgeführt, wo wir sechs ungewöhnliche Orte aufgespürt haben, die hier besondere Qualitäten liefern können. Das sind Industriedachflächen oder ein verlassener Tennisplatz im Winterhafen, der seit Jahren nicht mehr bespielt wurde, sich zu einem wilden Garten in der Stadt entwickelt hat und eine besondere Atmosphäre am Wasser bietet. Dann gibt es den Segelflugplatz, der von drei Vereinen betreut wird. Das ist auch eine große Grünfläche, die sehr viel Leben beherbergt. Weil es eine spannende Ergänzung in der Stadt ist hat Fritz Schwarz von der Naturkundestation das Gebiet genauer erforscht. Er spricht in dem Zusammenhang von „Ruderal-Flächen“.

AA: Was heißt das?

CW: Ruderalflächen heißt, dass es hier Pionierpflanzen gibt, die auf Industriebrachen Platz finden und Spezialisten für karge Böden sind – zum Beispiel auf Bahngleisen oder auf aufgelassenen Firmengründen. Es geht in unserer Arbeit auch um die Hafenflächen. Hier wollen wir bewusst machen, dass das auch Lebensraum für die Stadt ist.

TK: Bei diesen Aktivitäten geht es darum, diese Thematik zu vermitteln und verschiedene Initiativen an Bord zu holen, mitzugestalten. Auf welche Erfolgserlebnisse und Frustrationen kannst du bei diesem Engagement zurückblicken? Dieser Raum scheint ja eine Art blinder Fleck der Stadt zu sein und ich stelle mir die Vermittlung ganz schwierig vor. Was sind eure Strategien?

CW: Wir versuchen, gemeinsam mit anderen Institutionen die Qualitäten dieser Räume in der Bevölkerung bewusst zu machen. Wir haben schon mit Partnern wie dem Kepler Salon, dem Performance Laboratorium und dem Architekturforum diverse Veranstaltungen durchgeführt. Das ist bewusst so gewählt, weil man in der Kooperation mehr erreichen könnte und kann. Nach dem Diplomstudium war es erst mal total ungewiss, in wie weit das Thema „Schwemmland“ in Linz überhaupt eine Oberfläche bekommt. Mein Ziel war es, einen gewissen Response von der Stadt zu bekommen. Es gab gewisse Erfolge, die mir klar gemacht haben, dass es wert ist, an der Thematik weiterzuarbeiten – einerseits im Gespräch mit KollegInnen, die mir bewusst gemacht haben, dass es ein spannendes Feld ist. Andererseits gibt es auch in meiner Familie positive Entwicklungen. Wenn gewisse Dinge nicht zustande gekommen wären, wie zum Beispiel die Kommunikation mit der Bevölkerung oder Interessierten aber auch gewisse Förderungen seitens der Stadt wäre ich wahrscheinlich nicht mehr hier.

AA: Du hast also erst mal beobachtet, ob dein Projekt anklingt. Ist deine Familie in das Projekt involviert?

CW: Es gibt einen Umbau. Für meinen Bruder wird derzeit ein landwirtschaftliches Nebengebäude errichtet. Es geht darum, ihm eine Basis für die Zukunft zu schaffen. Wir gestalten einen Raum, der als Werkstatt funktioniert, aber auch für Workshops offen ist, der auch nutzbar ist für Veranstaltungen und natürlich für landwirtschaftliche Verarbeitung. Vorher war das Ziel, ein Restaurant zu planen. Mein Bruder ist Koch und Fischereimeister. Dieses Ziel war aber zu hoch gesteckt, weil es den Charakter des Grundstücks zerstören würde. Mit den ganzen behördlichen Auflagen wie Kanal, Lüftung, Hygiene und Parkplätzen am eigenen Grundstück, wo eigentlich auch Gemüse angebaut wird. Das würde das Budget sprengen und die Situation vor Ort zu stark beeinträchtigen. Wir sind froh, dass wir jetzt das Nebengebäude errichten können, das auch eine gewisse Flexibilität in sich birgt und wo man in der Zukunft vielleicht doch noch über die Einrichtung eines Fischrestaurants nachdenken kann.

TK: Wir sind am Weg hierher über die Industriezeile zu deinem Büro gekommen und als wir hier um die Ecke gebogen sind habe ich dich gesehen und mir sofort gedacht: „He, der bewegt sich hier aber wie ein Fisch im Wasser!“. Deine Projekte, diese Büroräumlichkeiten hier in der Gegend und dein Elternhaus ein paar hundert Meter weiter – das fügt sich gut zusammen.

CW: Ich habe nach meinem Studium einen Arbeitsraum gesucht. Zuhause war es mir zu eng und in der Stadt zu weit weg vom Thema. Ich möchte weiterhin den Linzer Osten behandeln und das „Schwemmland“ betreiben. So war es für mich naheliegend, hier eine Bürofläche zu nutzen. Wir sind hier im ehemaligen Quelle-Versandgebäude. Es wurde 2010 aufgelassen. Ich habe kurz überlegt: wenn ich ein Büro haben möchte, wo wäre denn das? Mir ist der Gebäudeteil hier aufgefallen: zuerst war das ein Factory Outlet von der Quelle und danach ein Textilwarengeschäft. Es gibt eine sehr schöne Glasfront zur Industriezeile und auf diesen Parkplatz hier. Man kann in die Weite blicken und bekommt das Treiben des Industriegebiets mit. Am Abend kippt es in ein anderes sehr entschleunigtes Bild.

AA: Wie ein Fluss – mal ein hoher, mal ein niedriger Pegelstand.

CW: Ich mag dieses Bild des Flusses. Tagsüber ist die Industriezeile sehr stark befahren und wir befinden uns in einer Bucht neben der Industriezeile, wo es uns angeschwemmt hat. Dazu kommt dieses Wechselspiel zwischen Beschleunigung und Entschleunigung.

AA: Dazu fällt mir auch ein: der Bauernbub in der Stadt. Zwei Pole, zwei verschiedene Welten, die möglich sind an einem Ort.

CW: Diese Möglichkeitsräume sind eben das Spannende. Dass es nicht nur segregiert abläuft – hier wohnen, dort shoppen, dort leben und wieder woanders arbeiten – sondern, dass es eine Aufwertung in der Stadt ist, wenn es Mehrfachnutzungen gibt. Dass Dinge zusammenkommen, die man vorher nicht gedacht hat. Das kann Zufall sein. Das kann genau so gut geplant sein. Das kann aber auch quer sein; als Jugendlicher besuchte ich Anfang der 90er die ersten Technopartys im Posthof. Ich war fasziniert von der Elektronischen Musik zu der ich Nächte bei Laserlicht durchtanzte. Ich erinnere mich an einem Sommermorgen als ich von einer Party ermüdet durchs Industriegebiet über leere Parkplatzfelder nach Hause ging. Neben den ersten Sonnenstrahlen überraschte mich mein Vater, kurz vor unserem Grundstück auf der Pummererstraße, auf seinem Traktor – es war Kartoffelerntezeit.

TK: Um zur zweiten Hälfte der Eingangsfrage zurückzukommen: Wo hin geht’s? Du bleibst also erst mal hier.

CW: Ja, ich verfolge den Schwemmland-Weg weiter und versuche weiterhin, meine Projekte zu verwirklichen. Der Reiz ist, wie weit man damit kommt. Vom Schwemmland alleine kann ich nicht leben und ich muss natürlich auch klassische Architektur machen – Einfamilienhäuser planen. Das macht auch Spaß. Aber es ist die Auseinandersetzung in meinen Projekten, die mich im Alltag bereichert – wenn man machen kann was einem ein Anliegen ist und dadurch in seinem Umfeld wirkt. Ich habe vorher in Graz unter anderem in international renommierten Architekturbüros gearbeitet und ich habe dort schlechte Erfahrungen gemacht. Du bekommst kaum den Zugang zu einem Ort. Zum Beispiel in Jeddah in Saudi Arabien, wo ein riesiges Gebäude für die OIC (Organization of Islamic Cooperation) geplant wurde, das bisher nicht realisiert werden konnte. Ich habe an sämtlichen Bereichen für das Gebäude mitentwickeln dürfen, bis hin zu einem Handlaufdetail eines Stiegenhauses gezeichnet – aber das ist bisher nicht realisiert worden. Für mich stellte sich plötzlich die Frage wo ich in Zukunft meine Energie einsetzen möchte. Diese Überlegungen haben mich dazu bewogen, zu schauen, inwieweit man in seinem Umfeld was bewegen kann. Denn wenn, dann geht es eh nur dort. Das war die Motivation. Inwieweit das erfolgsversprechend ist, war unklar. Aber bisher gab es einige Erfolgsmomente. Es bleibt spannend.

AA: Wie wichtig ist es für dich, dass du andere mit deinen Anliegen erreichst, dass du Spuren hinterlässt, auch bei nachfolgenden Generationen?

CW: Es ist dieser Wunsch und das Experiment, in meinem Umfeld etwas zu bewegen und etwas zu eröffnen, wo mehr möglich wird, als es das normalerweise ist. Das ist mein Ansatz und mit meinem Architekturhintergrund habe ich Tools in der Hand, ein lebenswertes Umfeld zu gestalten. Das heißt, dass ich nicht nur Häuser bauen möchte. Es ist zu langweilig, nur an Oberflächen und Fassaden zu arbeiten. Dieser Zugang ist sicher schwieriger, denn es ist ein anderer als in der klassischen Architektur.

TK: Zusammengefasst kann man sagen: Du arbeitest mit Raum und versuchst, möglichst viele in den Gestaltungsprozess miteinzubeziehen und diese Arbeit zu vermitteln.

CW: Es geht um die Vermittlung und um das ständige Hinterfragen. Hinterfragen kann man nur in einer Gesellschaft. Wenn ich nur für mich hinterfrage, ist das meist meine Interpretation mit all dem, was ich in meinem Hinterkopf schon programmiert habe. In der Gesellschaft gibt es da mehr Möglichkeiten.

AA: Du hast in manchen unserer früheren Gespräche von Zufall gesprochen. Was bedeutet Zufall für dich und in deiner Arbeit?

CW: Aus meiner Erfahrung mit Architektur geht hervor, dass der Versuch, eine Stadt zu planen, dem Zufall keinen Raum mehr lässt. Alles ist von vornherein und von einer Position aus bestimmt. Man hat alles belegt, wie es sein soll. Viel spannender ist es aber, etwas zu entwickeln, das Raum für Zufall lässt. Das hat viel mit Leerräumen und Freiräumen zu tun, die nicht belegt sind und täglich genau einer bestimmten Funktion zugeführt werden. Ich denke da an etwas wie Raumhülsen, die an einem Tag mit der einen und am nächsten Tag mit einer anderen Substanz gefüllt werden. Das sind Raumhülsen, die der urbanen Bevölkerung Raum und Luft geben, um atmen zu können. Diese Räume einer nächsten Generation zu ermöglichen, ist die Herausforderung von Schwemmland. Deswegen gehe ich auch aktiv hinaus in die Bevölkerung und thematisiere das. Wenn man das nicht macht, werden diese Räume unreflektiert versiegelt ohne jemals zu erfahren, welche Qualität darin gesteckt hat. Diese Räume der Bevölkerung zu entziehen und nur der Wirtschaft zu überlassen, finde ich einfach zu schade. Wir sind in Linz und diese Stadt hat viel mit Wasser und Industrie zu tun. Die Bevölkerung und das industrielle Image kann man nicht trennen. Viele Leute arbeiten in der Stahlindustrie und sie leben schlussendlich auch dort, wo sie arbeiten. Im näheren Umfeld Räume bieten zu können die menschenwürdige Atmosphäre, Entschleunigung und Kommunikation ermöglichen – das ist eine Herausforderung.

TK & AA: Danke für das Gespräch!

Schwemmland

Titelfoto von Thomas Blazek

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