Der Organisator ein Geschichtenerzähler?

 

Wie mich die zufällige Lektüre des “Project Narratives” einer Theatergruppe dazu gebracht hat, eine für mich neue Technik der Projektorganisation auszuprobieren, welche Erfahrungen ich damit gemacht habe und was die Vor- und Nachteile sind …

Eher zufällig hab ich das “Project Narrative” einer Theatergruppe in die Hand bekommen. Darin wurden in Form einer ausformulierten Story penibel genau Vorbereitung, Durchführung und Rahmenbedingungen für ein Stück beschrieben. Als Außenstehender konnte ich mir in wenigen Minuten ein sehr detailliertes Bild des Projekts verschaffen. Diese Technik hat mich nicht nur wegen des narrativen Sogs neugierig gemacht, sondern weil sie mir auch in meinem beruflichen Kontext sofort als sinnvoll erschien. Ich habe also gleich einmal versucht, sie für meinen beruflichen Kontext zu adaptieren.

Normalerweise arbeite ich als Producer von Veranstaltungen gerne mit den bekannten und bewährten Ablauflisten, die in Form von Tabellen, Stichworten und Notizen Punkt für Punkt organisatorische Abläufe vor Augen führen. Das funktioniert auch meistens gut, doch die Technik hat ihre Grenzen. Vor allem, wenn es um die anschauliche Vermittlung an Kolleginnen oder Projektpartner geht, ist eine Ablaufliste nicht immer zielführend – sie verleitet den Leser zur oberflächlichen Konsumation der Inhalte und schafft es deshalb meistens nicht, ein wirklich dichtes Bild eines Veranstaltungsablaufes zu vermitteln.

Ich habe also versucht, den Ablauf einer zweitägigen Konferenz, die ich organisatorisch verantwortete, inklusive aller Details in Form einer ausformulierten Geschichte vorwegzu nehmen. Hier ein Auszug daraus:

(…) Nach der Mittagspause starten um 13:30 Uhr die Workshops in zwei bis vier unterschiedlichen Räumen. Die Workshops sollen mit unterschiedlichen Fokuspunkten Perspektiven für offene digitale Archive erarbeiten. Die Workshops haben jeweils einen bis mehrere Hosts, die einerseits organisatorische Ansprechpartner sind und andererseits den Workshop leiten. Die Workshops haben auch zum Ziel, am Ende ein Ergebnis zu haben, das dem Gesamtplenum präsentiert werden kann. Die Gesamtmoderatoren der Konferenz werden jeweils bei einem Workshop dabei sein. Nach Ende der Workshops um 15:30 Uhr werden die Ergebnisse dem Gesamtplenum präsentiert (durch die Hosts) – jeweils maximal 15 Minuten. Es können Fragen gestellt werden und Diskussionen stattfinden. Die Gesamtmoderation agiert als Moderator/in. (…)

Die Anwendung dieser Technik hat bei der Organisation der Konferenz außerordentlichgut funktioniert. Im Gegensatz zu den üblichen Ablauflisten bringt die Vorweg-Erzählung eines organisatorischen Ablaufs in Form eine ausformulierten Geschichte nämlich folgendeVorteile mit sich:

  • Abläufe können ausführlich, klar und mehrdimensional dargestellt werden
  • Ein Gefühl für Situationen entsteht und Unstimmigkeiten in Settings werden schneller sichtbar
  • Für Außenstehende werden Abläufe und Inhalte besser und schneller nachvollziehbar
  • Gemeinsam erstellte Narrative sind stärker und schlüssiger
  • Fantasie und innovatives Arbeiten abseits gegangener Pfade werden angeregt

Doch es gibt auch Nachteile bzw. Grenzen der Technik:

  • Der Prozess ist insgesamt aufwändiger
  • Alle Beteiligten müssen sich darauf einlassen, ansonsten ist die Gefahr, dass Informationsvermittlung scheitert
  • Die Partizipation stößt an ihre Grenzen, wenn Mitarbeiter beim Formulieren Probleme haben

Mein Tipp lautet: Einfach die Technik mal in einem überschaubaren Kontext, zB. bei einer kleinen Veranstaltung mit wenigen Beteiligten ausprobieren. So kann das ablaufen:

  • Story verfassen und anderen Beteiligten zum Kommentieren und Korrigieren übermitteln
  • Ergänzungen einarbeiten und Finalversion produzieren, die im Lauf der Veranstaltung allen Organisatoren zur Verfügung steht und als Leitfaden und Orientierung dient
  • Story verwenden, gegebenenfalls während der Veranstaltung ergänzen und korrigieren
  • Nach Ende des Events gemeinsam im Team reflektieren, ob diese Art des gemeinsamen Organisierens sinnvoll ist.

Witzig könnte es auch sein, kurz vor Start einer Veranstaltung eine Lesung durchzuführen. Denn wenn die Story auch noch literarische Qualität hat, dann steht dem Erfolg wohl nichts mehr im Wege!

Für mich war die Anwendung eines “Project Narratives” ein erfolgreiches Experiment, das geholfen hat, mir und meinen MitarbeiterInnen im vorhinein der Konferenz ein klares Bild der Veranstaltung zu geben. Es hat in einem überschaubaren Kontext gut funktioniert, ich bin mir aber nicht sicher, in welcher Weise die Technik bei größeren Festivals etc. einsetzbar ist. Ich werde es aber ausprobieren und dann berichten, ob sie einer Probe Stand hält.

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