Patrick Bartos: „Eine neue Form von Leadership“

 

Patrick Bartos ist seit 2011 Geschäftsführer der CREATIVE REGION LINZ & UPPER AUSTRIA. Die Gesellschaft unterstützt und vernetzt die Kreativwirtschaft in Oberösterreich. Als ich Patrick vor kurzem bei einer Veranstaltung traf, sagte er, dass er mehr Zeit in der Tabakfabrik Linz – seinem Arbeitsplatz – verbringen würde als irgendwo anders. Mich beschäftigte, was ihn wohl antreibt. Als im Dezember der Stadt Linz der Titel UNESCO CREATIVE CITY verliehen wurde erkannte ich einen guten Zeitpunkt, mit Patrick, der an der Bewerbung der Stadt maßgeblich beteiligt war, ein Gespräch zu führen.

Der klassische Karriereweg? Wohl eher nicht: Patrick Bartos studierte an der Grazer Uni Jus, bewegte sich aber vornehmlich im kreativen Umfeld – spielte in einer Band, managte sie und fand auch durch seine Arbeit in einer Galerie ins Kulturmanagement.

Was ihn interessiert ist „intelligente, herausfordernde, aber kommerziell erfolgreiche Kultur … die einen kulturverändernden, einen gesellschaftsverändernden Anspruch hat. Das hat mich in Richtung kulturelles und kreatives Umfeld gebracht, das hat mich am Kulturmanagement interessiert.“

Im Kulturmanagement dissertierte er mit einer Cluster-Analyse der elektronischen Musikszene in Wien Ende der 1990er. Damals arbeitete er beim Verlag Ahead Media im Zentrum der Kreativszene – „Zu diesem Zeitpunkt bin ich draufgekommen, dass ich meinen Horizont wie man so schön sagt nachhaltig erweitern muss. Und dafür genügt es nicht, ein paar Reisen zu machen, man muss in einem – was ein blöder Ausdruck ist, aber mir fällt kein anderer ein – „fremden“ kulturellen Umfeld leben, sich voll darauf einlassen.“

Patrick Bartos wanderte Anfang 2000 nach London aus und bekam im Zuge der Londoner Bürgermeisterkampagne von Malcolm McLaren die Möglichkeit, mit Alan McGee – damals Manager von Oasis – zusammenzuarbeiten. Er jobbte als Barkeeper in der Portobello Road im Londoner Stadtteil Notting Hill und wechselte dann als Head-Barkeeper ins Restaurant des Institute of Contemporary Arts (ICA).

Heute sagt er: „Das hat den Horizont extrem erweitert. Ich glaube, es gibt fast keine Nation, mit der ich in meiner Zeit als Barkeeper nicht irgendwann zusammengearbeitet habe. Im Catering hast Du eine Unmittelbarkeit des kulturellen Miteinanders – viel unmittelbarer und stärker als es in anderen Jobs, etwa im diplomatischen Dienst, je sein kann.“

Er erfuhr auch, wie schwierig es ist, sich als Österreicher in London zu positionieren. „Österreich hat in London keinen Stellenwert. Den höchsten Stellenwert hat, oder hatte zumindest Anfang der 2000er Jahre, New York.“

Die Schlussfolgerung: „Wenn ich mich in London etablieren möchte, muss ich nach New York“. In New York, wo er nach Abschluss seiner Dissertation als Intern am Guggenheim-Museum arbeitete schätzte er den Kontakt mit einer kulturellen Szene „deren Ansprüche sich mit völligem Selbstverständnis auf höchstem Niveau bewegen“.

Den Umweg über New York bezeichnet er als „die zum damaligen Zeitpunkt beste Entscheidung. Ich bin dort so richtig aufgegangen. Nicht zuletzt habe ich meine Frau dort kennen gelernt.“ Nach der Rückkehr nach London arbeitete er im Consulting im Zusammenhang mit Kultur-Großprojekten – „die Idee mit dem „geh nach New York, dann läuft es in London“ hat tatsächlich funktioniert“. Er wechselte dann ins MAK nach Wien und im Anschluss wieder ins Consulting – ab 2007 als Selbstständiger. Patrick war für die Konzeption des Tourismus-Netzwerks Creative Austria zuständig, gestaltete die Marken-Positionierung von Ruhr 2010 – Kulturhauptstadt Europas und erarbeitete Kreativwirtschafts-Strategien.

Patrick, was hast du aus deiner internationalen Zeit mitgenommen?

Fünf Sprachen, selbstverständlicher Zugang zu Kulturen, das Streben nach Exzellenz; aber auch eine gewisse Intoleranz gegenüber Intoleranz. Mit Leuten die nicht weltoffen sind, die das nicht gelernt haben oder nie lernen wollten, tue ich mir nicht immer ganz leicht. Gleichzeitig habe ich die diplomatischen Fähigkeiten bekommen, ohne Berührungsängste mit Menschen aus den unterschiedlichsten Hintergründen und Lebenswegen auf Augenhöhe zu interagieren und zu arbeiten.

Und aus Deiner Zeit in der Selbständigkeit?

Ich habe mich spätestens seit der Matura immer im kreativen Umfeld bewegt – so auch als Selbständiger. Da gab es viel, was mir nicht gepasst hat. Das Einzelkämpfertum, die Unsicherheit, … ich bin zugleich ein großer Fan oder „Vertreter“ von Entrepreneurship. Das ist etwas ganz Großartiges und unvergleichlich interessanter als einfach in einem bestehenden Betrieb langsam abzustumpfen. Oder aufzugeben. Oder immer nur zu träumen. Alles was wir in der CREATIVE REGION tun, machen wir für die Menschen in den Kreativunternehmen, im kreativen Umfeld. Das ist die Messlatte. Hat ein Projekt hier zu wenig Relevanz, dann machen wir es nicht.

In unserer Zusammenarbeit ist mir immer wieder aufgefallen, dass du dir die Ziele oft sehr hoch steckst. Hin und wieder dachte ich mir: das ist doch unrealistisch! Ich finde es aber auch bemerkenswert, dass du Risiken einzugehen bereit bist und auch mal etwas daneben gehen darf.

Hoch gesteckt … ist wohl Interpretationssache, es hängt sehr vom Blickwinkel ab was „hoch“ ist. Aber sicher, man muss wohl herausfordernde Ziele setzen. Nur dann kann man in sich, und vor allem in einem Team einen Spirit hervorrufen: das wollen wir jetzt gemeinsam erreichen, dafür setzen wir uns ein – und es gibt auch echte Freude, wenn etwas erreicht wird. Es ist keine Platitüde zu sagen: „dann kann auch einmal etwas daneben gehen“, es stimmt. Wenn man zugleich einen breiten Horizont hat, dann ist auch viel mehr machbar als wenn nicht. Und das ist auch nur umzusetzen, wenn die ganze Organisation so tickt. Um agieren zu können, muss man die richtigen Leute dafür haben. Wir haben ein solches Team.

Wie setzt du die Schwerpunkte in deiner Arbeit?

Da muss man unterscheiden zwischen inhaltlichen und organisatorischen Schwerpunkten. Organisatorisch gesehen ging es mir darum, die Lebenswelt der „kreativen Klasse“ in eine öffentliche Organisation wie die CREATIVE REGION zu übertragen. Eine – in diesem öffentlichen Bereich – neue Form von Leadership, von Miteinander durchzusetzen und zu leben, vielleicht sogar als Vorbild für andere, dass es so auch geht. Und inhaltlich – wir haben bei der CREATIVE REGION einen Gesellschaftsvertrag, der beschreibt, wofür wir zuständig sind. Ich habe mich von Anfang an bemüht, dass ich meine eigenen Ansprüche mit den Vorgaben im Gesellschaftsvertrag in Einklang bringe. Die Schwerpunkte setzt der Gesellschaftsvertrag, doch die Interpretation und die strategische Vorgehensweise ist unsere Sache, natürlich im vollen Einklang mit den Gesellschaftern – und ich bin schon der Meinung, dass wir diese unsere Sache sehr gut machen. Unsere Aktivitäten zeigen Wirkung – da haben wir mittlerweile sehr viele Beispiele, das wurde auch mit sehr positiven Ergebnissen evaluiert. Nur ein Beispiel, weil es gerade heute auf den Tisch kam: wir organisieren die Teilnahme von oberösterreichischen DesignerInnen an der Möbelmesse in Mailand, mit dem Ziel, die Idee zu vermitteln, dass internationale Präsenz auch für kleine Unternehmen sinnvoll und notwendig ist, und wenig später fährt eine der beteiligten Designerinnen zu einer Messe nach Paris und baut sich erfolgreich einen internationalen Vertriebsweg auf. Das hat natürlich nicht nur aber auch mit uns zu tun.

Geht es in deiner Arbeit auch darum, gewisse Strukturen und Vorstellungen zu entstauben?

Als ich hier begonnen habe, wurde mir gesagt, dass es in Oberösterreich eine gewisse Tendenz zur Polarisierung gibt: entweder stehst Du auf einer Seite oder auf der anderen. Ich kann mit einem solchen Weltbild, mit einer solchen Einstellung, aber nichts anfangen, und wir agieren entsprechend auch anders. Wichtig ist: Wie kann man Ziele durchsetzen und dafür Partnerschaften eingehen ohne sich verkaufen zu müssen? Wie schafft man win-win Situationen? Das ist ein hoher Anspruch und genau den verfolgen wir für uns wie auch für unsere Klientele – ohne Berührungsängste. Da haben wir sicherlich ein paar Strukturen aufgebrochen. Es geht uns auch darum, einen gewissen – vielleicht „kalifornischen“ – Spirit zu entfachen: Es ist nicht falsch, Geld zu verdienen. Es ist schon OK. Und vor allem: man kann Entrepreneurship entfalten als die oder der man ist und mit dem was einem wichtig ist.

Linz hat kürzlich den Titel UNESCO CREATIVE CITY verliehen bekommen. Ich nehme an, du wertest das auch als Erfolg eurer Arbeit. Ich habe gesehen, dass du dich sehr darüber gefreut hast. Was für einen Stellenwert hat das? Was eröffnet sich für die Stadt und die Kreativen dadurch?

Das ist die einzige Auszeichnung, die es in dem Bereich gibt, also wollte ich die für Linz und Oberösterreich haben. Man muss bei alledem ganz vorne hinstellen, dass es ohne die Ars Electronica keinen „Creative City“ Status für Linz gäbe. „Creative City“ ist der Oberbegriff, „Media Arts“ ist die Spezialkategorie, und die Ars trägt „Media Arts“ in Linz. Es ist jedoch auch eine Auszeichnung, die allgemein den Kreativschaffenden in dieser Stadt gilt. Die Idee ist, dass im Lauf der nächsten zwei bis drei Jahre, wenn man von Linz spricht, in den ersten Sätzen auch der Creative City-Status fällt. Dass man sich damit identifiziert. Denn die „Creative City“ – das ist nicht die Infrastruktur der Stadt. Da geht es um die BewohnerInnen und da insbesondere die Kreativschaffenden. Der politische Anspruch ist also, eine stärkere Identifikation mit den Kreativschaffenden dieser Stadt zu erreichen. Wenn diese Identifikation stattfindet dann steigt auch deren Stellenwert. Das Ganze ist langfristig angelegt – Creative City ist ein Titel, den man nicht ein Jahr hat sondern sehr lange … ein „Asset“, mit dem man arbeiten muss.

Nehmen wir an, die Stadt arbeitet gut mit dem Titel, schafft ein stärkeres Bewusstsein und stärkt die Szene. Wohin siehst du die Reise gehen?

Die Entwicklung der Tabakfabrik ist sicher eine zentrale Geschichte. Insgesamt soll sich auch eine positive Selbstverständlichkeit im öffentlichen Umgang mit der Kreativwirtschaft und mit Kreativität an sich entwickeln.

Du sprichst immer wieder von der Bedeutung der Vernetzung von Kreativen und der Industrie?

Sicher, im Industrieland Oberösterreich … doch in der Realität ist es nicht immer ganz so einfach. Wenn du dich mit den Unternehmen triffst … zum Beispiel mit einem Unternehmen in Gunskirchen, wo wir 2014 eine Kooperation hatten: da sitzt die Kreativabteilung, die Designkompetenz in Kanada und hier wird „nur“ produziert. Die Industrie in OÖ ist schon zum großen Teil so gestrickt – eine Zuliefererindustrie. Dennoch: diese Branche wird sich zunehmend mit Kreativitätstechniken beschäftigen – beschäftigen müssen. Ich stelle mir die Zukunft in Oberösterreich etwa so vor, dass Design und Designforschung mehr ins Zentrum rücken und mehr darauf aufbaut. In diesem Sinn intervenieren zu wollen ist eine riesige Aufgabe.

„Sprach man früher über Innovation, dann meinte man Technologie. Spricht man heute über Innovation, dann meint man Design.“ – Das ist ein Zitat von Bruce Nussbaum. Was wird man zukünftig meinen, wenn man von Innovation spricht?

Schwierig zu beantworten. In Bezug auf diese Fragen, oder Werte, ändern sich die Gegebenheiten, die Kulturen nicht so schnell wie gerne gehofft oder vorhergesagt wird. Soziale Innovation ist ein Thema, ein großes Thema auch für Entrepreneurs, aber noch keines, an dem sich Volkswirtschaften orientieren. Das aktuelle System basiert auf anderen, wenn man so will „konventionellen“ Wertschöpfungsprozessen und ist sehr widerstandsfähig.

Danke für das Gespräch!

 Artikelbild von Petra Moser.

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