Franz Taumberger: „Es ist nicht mehr wichtig, dass ich die Lösung weiß.“

 

Franz Taumberger arbeitet in Wien als Berater, Coach und Mediator und ist mir als Kollege freundschaftlich verbunden. Wir haben uns im Rahmen einer Weiterbildung kennengelernt und setzten uns beide mit dem Organisationskompass, einem Navigationswerkzeug für Entwicklung in Organisationen (siehe Genuine Contact Programm), auseinander. Die vier Himmelsrichtungen des Kompasses beschreiben Krieger/in, Visionär/in, Heiler/in und Lehrer/in als vier grundlegende Archetypen und machen deren unterschiedlichen Qualitäten sichtbar: Um es kurz zu machen: Wir beide haben festgestellt, dass wir uns in unserer persönlichen Ausrichtung auf der Krieger-Heiler-Achse gegenüber stehen. Das ist doch eine interessante Ausgangssituation für ein Gespräch.

Franz, endlich können wir uns einmal ausführlicher über diese Geschichte mit der persönlichen Ausrichtung unterhalten. Als wir uns letzten Sommer getroffen haben, entwickelten wir dieses Bild, dass wir uns da gegenüber stehen und darin eine gewisse Spannung steckt. Was macht für dich den Krieger-Archetypen eigentlich aus und was interessiert dich persönlich daran?

In der „Werkstatt“ (Anm.: Werkstatt für holistische Organisationsentwicklung) habe ich erstmals klar erkannt wo ich innerhalb dieses Kompasses selber stehe, welche meiner Eigenschaften ausbaufähig sind und wo ich stark bin. Ich habe erkannt, dass ich eher jemand bin, der vorne losgaloppiert und – im übertragenen Sinn – eine Schlacht führen kann. Ich habe mir dabei auch die Frage gestellt: Warum sind in meinem Leben manche Dinge dermaßen eskaliert? Wo ist die Energie des Kriegers auf eine negative Bahn gelangt? Das ist deswegen passiert, weil ich das Gegengewicht nicht ausreichend im Fokus hatte. Wie kann man auf dieser Krieger-Heiler-Achse ein Gleichgewicht erzielen? Wenn man etwas aufwirbelt, sollte man danach auch wieder Ordnung erzeugen und Wunden – bei sich selbst oder anderen – heilen.

Was hat dich zum Krieger gemacht?

Das hängt wahrscheinlich mit meiner frühen Sozialisierung zusammen. Als Jugendlicher musste ich mich im Internat als körperlich Unterprivilegierter in einer jungen Männergesellschaft durchsetzen. Man könnte es auch „Survival of the fittest“ nennen, denn das war eine richtig harte Schule. Solche Jungmänner-Organisationen sind alles andere als harmlos. Ich war körperlich nicht in der Lage mich durchzusetzen und so habe ich begonnen etwas anderes überdurchschnittlich zu entwickeln: meine kognitiven Fähigkeiten. Ich habe mich also mit meiner Rhetorik durchsetzen müssen und das hat mich mein ganzes Leben lang begleitet.

Die Rhetorik als Kriegskunst?

So ungefähr … das starke Argument! Die Rolle des Mitläufers hat mir nie gefallen und so war ich immer der kleine Häuptling, der sich wichtig gemacht hat – mit allen Konsequenzen. Dabei bin ich mein ganzes Leben lang in eine manchmal gute und manchmal auch negative Führungsrolle geraten. Aus heutiger Sicht hätte mir als junger Mann geholfen, wenn mich jemand professionell begleitet und unterstützt hätte in meiner eigenen persönliche Entwicklung und Reflexion. Doch das gab es damals natürlich nicht. Ich habe 1973 maturiert und damals war alles wilder Aufbruch! Ich hatte kein Bedürfnis, irgendwas zu reflektieren. Der Raum war offen und es schien so, als konnte man sich überall hinbewegen ohne dass etwas passierte! … Aber es ist natürlich viel passiert – mitunter auch schlimme Dinge.

Was macht man da für Erfahrungen?

Zum Beispiel brutale Karriereabbrüche! – Ich hatte mit 28 schon einen Top-Führungsjob mit wahnsinnig gutem Verdienst in der österreichischen Versicherungswirtschaft. 6 Jahre später hatte ich ein Berufsverbot!

Ein Berufsverbot?

Es wurde mir verunmöglicht, einen Angestelltenvertrag in der Versicherungswirtschaft zu bekommen. Ich hatte mich mit einem Generaldirektor dermaßen angelegt, dass er mich richtiggehend „eliminierte“. Ich lag in unserem Disput sachlich absolut richtig und argumentativ und inhaltlich war dieser „Krieg“ völlig in Ordnung. Doch ich hatte nicht verstanden, dass am anderen Ende eine viel mächtigere Person sitzt als ich. Solche Dinge passieren, wenn man zu sehr auf seiner Krieger-Energie reitet! Ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, mich hineinzuversetzen, wie es einem CEO geht, wenn er von einem jungen Führungsmenschen angegriffen wird. Heute würde ich sagen: „Der kann ja gar nicht anders reagieren“ und „Pass auf, wie du die Dinge formulierst. Sei anschlussfähig. Das ist auch ein Mensch und er ist genau so verletzlich, auch wenn er wichtig und groß erscheint.“

Wenn man aus der eigenen Branche quasi eliminiert wird – vor welcher Situation steht man dann?

Das erste Gefühl – da kann ich mich gut erinnern – war totale Verzweiflung und eine Menge Angst. Ich war dann gezwungen, mich selbstständig zu machen und daran hätte ich sonst niemals gedacht. Ich wurde in einer Beamtenfamilie sozialisiert und da war es undenkbar, Unternehmer zu werden! Zum Glück hat das sehr gut geklappt und es sind Dinge passiert, die später wichtig geworden sind: Zum Beispiel mein Einstieg ins Immobilien-Entwicklungsgeschäft und in das Bauprojekt-Management. Das habe ich viele Jahre erfolgreich gemacht und im Zuge dieser Tätigkeit bin ich auf das große Thema Konflikte gestoßen: Mir ist irgendwann sonnenklar geworden, dass der rein rationale Ansatz – also diese endlosen Gerichtsverfahren und die unzähligen Streits, die da stattfinden – katastrophale Folgen hat, nur Geld kostet und nichts bringt.

Da habe ich begonnen, mir Werkzeuge anzueignen, um meine Leitungsfunktionen auf Baustellen besser in den Griff zu bekommen. 2007 habe ich mit einer Mediationsausbildung begonnen. Daraus hat sich die Tätigkeit in der Wirtschaftsmediation entwickelt. Die logische Konsequenz daraus war das Thema Team- und Organisationskonflikte. Rückblickend betrachtet ein ungemein kluger Weg, den ich da eingeschlagen habe – aber mehr Zufall als gewollt.

Ich sehe deinen Weg ausgehend von einer starken Orientierung zum Thema Führung mit dem Leitspruch „Zeige dich und sei präsent“ hin zu einer stärkeren Orientierung in Richtung Heilung und Gemeinschaft mit dem Motto „Folge dem was Herz und Bedeutung hat“.

Das schöne am Organisationskompass, den du da beschreibst, ist: Da geht es um wirkliche Sinnfragen. Wenn man den von dir beschriebenen Weg von Norden nach Süden geht stellt sich die Frage: Was ist wirklich wichtig? Ich bin darauf gekommen, dass mein eigener beruflicher Erfolg oder meine Umsetzungsqualität an den eigenen Sinn und Zweck gekoppelt sein muss. Sonst geht es schief.

Heute kann ich zuhören. Früher wäre das nicht möglich gewesen. Das hat auch mit meinem neuen Verständnis der Beraterrolle zu tun. Der Expertenberater, der ich früher war, ist ein Problemlöser und das ist jemand anderes, als eine Person, die einen Heilungsprozess in einem Team oder einer Organisation begleitet. Ich verstehe mich heute als Prozessberater und das bringt auch ein verändertes Menschenbild mit sich. Die Entwicklung hierher war nicht einfach für mich und sie ist auch noch nicht abgeschlossen.

Es ist also ein neues Bild von dir im Entstehen?

Es ist jetzt nicht mehr wichtig, dass ich die Lösung weiß. Ich möchte heute Systeme betrachten und genau hinsehen, welche Ressourcen an welchen Orten vorhanden sind. Meine Klienten brauchen zwar Unterstützung, doch sie können ihre Probleme nur selbst lösen. Ich kann das von außen nicht leisten. Man kann – wie beispielsweise in einem Mediations-Setting – vielleicht ein paar Vorschläge machen, um einen Perspektivenwechsel zu erreichen. Doch den Weg müssen die Menschen selber gehen.

Ich möchte nochmal bei dem Punkt nachhaken: Was können Krieger und Heiler voneinander lernen? Um es auf die persönliche Ebene zu hieven: Mir ist in unseren Begegnungen bewusst geworden, dass du eher aus der „Ecke“ des Kriegers kommst und dich zunehmend in Richtung des Heilers orientierst und bei mir ist das gerade umgekehrt. Ich glaube, dass das ein Feld ist, in dem ich viel lernen kann …

Ja, das ist auch reizvoll – da ist Action!

Das übt eine Faszination auf mich aus. Und deswegen habe ich mich gefragt: Wie können wir beide voneinander profitieren?

Ganz wichtig sind die Beziehungen untereinander. Wenn jemand von uns zu stark auf einer Ebene ist blendet er den anderen Bereich aus. Wenn ich das Thema betriebswirtschaftlich übertrage: Ich kann das beste Produkt der Welt haben, aber ich muss es in den Markt bringen. Und dieses „in-den-Markt-bringen“ hat mir der Kriegerrolle zu tun. Diese Präsenz nach außen zu entwickeln und die Notwendigkeit zu erkennen, dass ich einen Schritt vorangehen muss … Was hilft mir das schönste Produkt, wenn es im Kämmerlein vergammelt? Umgekehrt erzeugt der Heiler eine Notwendigkeit, immer wieder darüber nachzudenken, ob man am richtigen Weg ist. Ob das, was man so locker anbietet, auch wirklich Sinn stiftet. Ich bin überzeugt, dass beide Energien für ein zufriedenes Leben wichtig sind.

Du hast dein eigenes Geschäft in den letzten Jahren umgestaltet und weiterentwickelt. Was bietest du aktuell an und wo liegen deine eigenen Ziele?

Ich betreibe ein hochkarätiges Versicherungsmaklergeschäft und Immobiliengeschäft in allen Facetten. Ich habe dieses Geschäft aber in den letzten Jahren an meine Frau abgegeben und mache es nur mehr marginal. Das Einkommen reicht aber und ich habe nicht das Problem, das viele Prozessberater haben, nämlich ein Basiseinkommen mit der Beratungstätigkeit zu erwirtschaften. Das ist gerade am Anfang der Karriere schwierig. Ich muss also nicht mehr jeden Auftrag annehmen und das ist schon eine privilegierte Situation. Ich kann jetzt auch inne halten, genauer hinschauen und mitfühlen …

Ist das etwas, das du dir jetzt im Gegensatz zu früher leisten kannst?

Ich hätte es mir immer leisten können, aber ich habe es nie getan! Ich hatte lange einen anderen Arbeitsstil, der mich phasenweise an meine Grenzen gebracht hat. Ich war es gewohnt, 60 bis 80 Stunden in der Woche zu arbeiten. Heute arbeite ich 25 Stunden in der Woche und den Rest der Zeit mache ich das was wichtig ist, zum Beispiel auf die Uni gehen. Die richtigen Business-Themen interessieren mich heutzutage eigentlich nicht mehr. Vielmehr interessiert mich wo das eigenen Tun an das Absolute andockt. Deshalb studiere ich beispielsweise auch Philosophie. Doch die Philosophie kann mir manche Antworten nicht geben; ich habe die Grenze erreicht, bin jetzt eher in der Theologie unterwegs und stelle Fragen der Ethik. Das hat auch damit zu tun, dass man die eigene biologische Uhr ticken hört. Wenn sich rund um dich die Generationen verabschieden dann werden Themen wie der Tod an sich und das was wir darüber hinaus denken können, wichtig.

Was tauchen da für Fragen auf?

In meinem Leben hat die Vernunft immer eine große Rolle gespielt. Stimmt etwas oder stimmt es nicht? Heute spielt das Hineinspüren in mich selber eine zunehmend größere Rolle. Was fühlt sich für mich gut an? Wenn ich heute in der Lage bin, körperlich zu spüren, dass etwas nicht stimmt, dass eine Aussage nicht stimmig ist, dann hilft mir das in Prozessen ungemein. Spannungen bei sich selbst oder bei anderen zu erkennen, das geht über mich selbst hinaus.

Was machst du da für Erfahrungen?

Je bewusster man ist, desto schöner läuft jeder Prozess. Egal ob bei hoch eskalierten Konflikten, oder bei Auseinandersetzungen im privaten Bereich. Das ist ein zusätzliches Instrumentarium, über das ich viele Jahre überhaupt nicht verfügt habe. Jetzt ist das bei mir im Entstehen. Es ist davon abhängig, zuhören zu können und das ist erst dann möglich, wenn man einmal 20 Minuten sein ach so wichtiges Mundwerk zu halten. Wenn ich in Gesprächen dauernd das Bedürfnis verspüre, mein Ich einzubringen, dann schließen sich meine Ohren. Es ist ein ungemeiner Lernerfahrung, sich zurücknehmen zu können und zu merken, dass man dabei nichts verliert sondern im Gegenteil eine Menge gewinnt. Das macht mir wirklich große Freude.

Ich habe beispielsweise gerade einen haarigen Prozess am laufen. Früher wäre ich verzweifelt oder hätte mich angegriffen gefühlt. Kürzlich bin ich als Supervisor fast abgewählt geworden. Vor 2 Jahren hätte mich das noch richtig fertiggemacht und heute kann ich meinen sofortigen Handlungs-Impuls zurückzuhalten und die Dinge einfach im Raum stehen lassen. Ich sage etwas wie: „Aha, interessant, der ist jetzt aber wirklich böse“ und nehme dabei die Beobachterrolle ein. Ich bleibe emotional stabil.

Man lernt, zu spüren, warum man so aggressiv wird oder warum man wie der Hase davon läuft … Diesen Erkenntnisprozess muss man zulassen und das zu lernen braucht Zeit.

Lieber Franz, danke für das vertrauensvolle Gespräch!

Weiterführende Infos zu Franz Taumbergers beruflichen Hintergrund und Aktuelles:

Finanzkonsult
Die Mediatoren
Newton’s Cradle

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