Gottfried Hattinger: „Risiken muss man locker in Kauf nehmen.“

 

Er bezeichnet sich als kulturellen Auftrags- und Saisonarbeiter, leitete das Ars Electronica Festival (87-91), gestaltet Bücher und ist künstlerischer Leiter des Festivals der Regionen. „Ich hasse Theater“ war seine Replik auf die eine Kooperationsanfrage, die ihm einst der Gründer des SPIELART-Festivals schickte. Warum er trotzdem begann, für das Theaterfestival in München zu arbeiten, welche neuen Formen er im oberösterreichischen Kunstschaffen ortet und was die Ambitionen für das kommende Festival der Regionen in Ebensee sind, erzählt er im Gespräch.

Das Festival der Regionen wird 2015 in Ebensee im Salzkammergut stattfinden. Was hat das Festival dort hingeführt? 

Die beiden vorherigen Festivals haben sich mit Kontrasten beschäftigt: in Attnang-Puchheim waren es die Eisenbahner und die Klerikalen, in Eferding das Bürgerliche und das Bäuerliche. In Ebensee, das als klassischer Arbeiterort gilt, interessiert mich die Arbeiterkultur. In einer Zeit, wo die Arbeiterschaft mit Zeitarbeit und Werkverträgen wieder mit repressiven Maßnahmen konfrontiert ist, kann man sich fragen, was Arbeit wirklich bedeutet. In Ebensee ist die Arbeiterkultur stark verankert. Im dortigen Arbeiterheim gab es schon früh eine Bibliothek mit Werken aus der Weltliteratur. Die Bibliothek wurde 1934 von der Heimwehr im Traunsee versenkt. Die Mächtigen haben seit jeher Angst vor Wissen und Aufklärung. Wir interessieren uns dafür, wie es heute ist: Wie steht es mit der Arbeiterbildung?

Ist die Arbeiterkultur im heutigen Ebensee noch präsent?

Schwer zu sagen. Das werden wir herausfinden. Der Eindruck ist, dass Bildung und Kultur hauptsächlich als Volkskultur verstanden werden. Es hat sich hier früh ein Brauchtum neben den kirchlichen Bräuchen entwickelt, wie zum Beispiel die Glöckler-Tradition. Die Menschen waren immer widerständig und haben sich nicht so leicht vereinnahmen lassen. Im Salzkammergut gab es auch eine ausgeprägte Widerstandsbewegung gegen die Nationalsozialisten. Ich habe die Geschichte von 400 Jahren Ebensee studiert. Dabei bin ich auch auf eine interessante Statistik über das regionale Zeitgeschehen gestoßen: In einer Aufstellung werden alle möglichen historischen Begebenheiten erwähnt. Nur über den Kulturverein Kino gibt es nichts zu lesen. Das deutet darauf hin, dass ein Manko gegenüber der zeitgenössischen Kultur besteht. Sehr gut wurde aber die nationalsozialistische Zeit aufgearbeitet. Im Zeitgeschichtemuseum und Heimatmuseum ist auch sehr gut dokumentiert, wie sich die Lage der Arbeiter in den verschiedenen Jahrhunderten entwickelt hat. Deren Unterdrückung hat jedenfalls immer eine Rolle gespielt. Mittlerweile sind die Arbeiter allerdings zu etwas gekommen. Fast jeder ist sozial abgesichert, hat eine Krankenversicherung und ein Auto. Insofern hat jeder etwas zu verlieren. Wenn Entlassungen stattfinden, gibt es heute keinen allgemeinen Streik mehr, sondern jeder Einzelne hofft, dass es ihn nicht trifft. Gibt es noch Solidarität? Was bedeutet sie heute?

In dieses Ebensee kommt 2015 unter dem Motto Schichtwechsel das Festival der Regionen. Was spricht das Thema an?

Schichtwechsel ist ein allgemein bekannter Begriff, der aus der Arbeitswelt kommt. In der Saline Ebensee ist das beispielsweise sehr geläufig, da wird in 3 Schichten gefahren. Es gibt aber auch einen Schichtwechsel in den Generationen, eine Veränderung im Habitus der Arbeiterschaft. Außerdem möchte das Festival der Regionen kurzfristig einen kulturellen Schichtwechsel übernehmen.

Im Zuge der Ausschreibung kann man bis 16. Mai Projekte für das nächste Festival einreichen. Was sind deine Erwartungen und Wünsche für die Einreichphase?

Das ist schwer zu sagen. Ich hoffe auf „scharfe“ Kunstprojekte, die mit der Identität der Ebenseer Gesellschaft zu tun hat, ihr einen Spiegel vorhält. Spannend empfinde ich auch den Umgang mit dem Begriff der Arbeit. Kunst ist ja auch Arbeit. Einer meiner Lieblingswahlsprüche von Urs Lüthi heißt ja auch: „Art is the better life“.

Das ist dein drittes Festival. Mit welchen Erfahrungen und Erkenntnissen aus den ersten beiden Festivals kommst du nach Ebensee?

Die Erfahrungen in Attnang-Puchheim und Eferding waren sehr gut. Es ab eine große Resonanz. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich hoffe, dass es auch in Ebensee gelingen kann, Leute zu motivieren, am Festival teilzunehmen. Ein Festival ist ja kein reines Konglomerat von Veranstaltungen sondern soll auch mitgelebt werden. Immerhin geht es um die Belange des Ortes und der Region.

Was kann das Festival der Regionen? Was macht das Festival aus?

Vor allem bekommen jüngere KünstlerInnen die Möglichkeit, ein Projekt zu verwirklichen. Außerdem verankert das Festival Projekte in der Region und erregt dadurch die Aufmerksamkeit der BewohnerInnen. Das schafft man nur mit einem Thema, das in der Region relevant ist. Es geht auch darum, Leute aus der Region aktiv als Beteiligte miteinzubeziehen. Wenn das alles zusammenfließt, kann das Festival eine gute Sache werden. Was nicht funktionieren würde, ist einfach etwas hinzusetzen, das mit dem Ort nichts zu tun hat.

Was ich in den beiden vergangenen Festivals erfahren habe, ist, wie wichtig dir die KünstlerInnen sind. Gute Rahmenbedingungen und ein Miteinander spielen bei dir eine große Rolle. Außerdem gewährst du großen Freiraum …

Anders geht es nicht. Zunächst ist es immer ein symbiotisches Verhältnis, in dem alle Seiten voneinander – trotz der Verschiedenheit  – profitieren. Wir werden als Festival der Regionen als Institution begriffen und leben von denen, die Inhalte bringen. Im Festival ist auch das Wort Fest drinnen. Es handelt sich um einen Zeitraum, wo alle zusammen arbeiten und feiern. Insofern ist es mir sehr wichtig, dass die Künstlerschaft gut behandelt wird. Wie wir wissen, ist das nicht überall der Fall. Es gibt auch „Hire-and-Fire-Festivals“, wo die Künstler ihre Ware im Lieferanteneingang abgeben und auf der Bühne feiern sich die Kuratoren und Veranstalter. In Wirklichkeit sind sie die Nutznießer der Arbeit der Künstlerschaft. Insofern bin ich absolut für gute Bezahlung, gute Unterbringung und gute Produktionsbedingungen. Ich bin auch immer dafür, den Projekten Entwicklungsmöglichkeiten einzuräumen und nicht wie ein Sheriff zu agieren, der den Akteuren befielt, wo es langgeht. Das setzt ein großes Maß an Vertrauen voraus. Ich mag es, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Risiken muss man locker in Kauf nehmen.

Welche Rolle hat die künstlerische Leitung beim Festival?

Der erste Einfluss, den der künstlerische Leiter nimmt, ist nicht nur, den Ort zu bestimmen, sondern auch die Vorgaben zu formulieren. An diesem Punkt kann man steuern. Im Zuge der Ausschreibung kommen Projektvorschläge aus der ganzen Welt; meistens von Leuten, die man noch nicht kennt. Das ist ein gewisser Reichtum. Im nächsten Schritt, wenn die Projekte gemeinsam mit dem Beirat besprochen wurden und der Rahmen der Projekte, die man verwirklichen möchte, abgesteckt ist, kommt der Aspekt der Dramaturgie und des Gestaltens ins Spiel. Man muss sich fragen: Was passt in welche Räume und welcher Ablauf macht Sinn? Wie schafft man einen guten Mix? Zum Schluss soll ein Ding dastehen das sehr homogen und vor allem nachvollziehbar ist für das Publikum.

Du arbeitest auch für das SPIELART Festival in München – seit 1993. Hast du das mitgegründet?

Gegründet hat es mein Kollege Tilman Broszat. Aber ich war von Anfang an mit dabei.

Aus welcher Bewegung heraus ist das entstanden?

Entstanden ist es dadurch, dass es einen vergessenen Fundus an Geld gegeben hat! In den 80er-Jahren gab es in München die berühmte Alabama-Halle und das Theater der Welt war auch einmal da. Damals haben die Stadt München und BMW einen Pool gegründet. Nachdem sich die Alabama-Halle aufgelöst hatte, geschah damit 10 Jahre lang gar nichts. Das hat Tilman Broszat veranlasst, die Initiative für ein neues Theater-Festival zu starten.

Seine erste Kontaktaufnahme war ganz lustig. Er hat mir ein Fax geschickt, ob ich Lust hätte, an einem Theater-Festival in München mitzuarbeiten. Ich habe dann auf dasselbe Fax nur draufgeschrieben: „Ich hasse Theater“ und habe ihm das zurück gefaxt. Er ist dann nach Linz gekommen und wir haben uns unterhalten. Eine Woche später war der Vertrag da. Ich habe mir gedacht: wenn ich nach dieser Aussage trotzdem engagiert werde, ist das ein gutes Zeichen. Die Grund-Ambition des Festivals war, gegen das etablierte Theater aufzutreten und speziell für freie internationale Gruppen ein Festival zu gestalten. Diese Szene war damals unterbelichtet, obwohl München eine der etabliertesten Theaterstädte mit den besten Schauspielern und Regisseuren war. Das war unsere Reibefläche. Heute hat sich das erledigt. Die damals unbekannten Leute, die wir einluden, sind heute renommiert und werden mittlerweile von den Stadttheatern eingeladen. Manchmal spüren wir eh so eine ganz kleine Identitätskrise … Die Herausforderung ist, sich nie auf festgelegte Regeln und Rituale zu konzentrieren und in der Programmierung immer jung zu bleiben.

Eure Ambition ist, neue Formen zu präsentieren und zu fördern?

Die Menschen in München erwarten sich von uns etwas Spannendes und Unbekanntes. Einmal haben wir ein etabliertes Stück präsentiert, und prompt wurden wir dafür kritisiert. Das ist auch ein gutes Zeichen.

Wo siehst du hier in Oberösterreich neue Formen und dynamische Tendenzen in der Kunst?

Ich muss gestehen, dass ich im letzten Jahr die ganz junge Szene wenig verfolgt habe. Ich war viel unterwegs. Bei den etablierten Szenen habe ich das Gefühl, dass alles etwas müder wird – gefälliger. Das ist vielleicht ungerecht, aber es ist mein Eindruck. Das OK (Anm.: Offenes Kulturhaus) vor allem ist für meine Begriffe ziemlich gesichtslos geworden … Einige Aspekte finden dort keinen Raum mehr. Es gab eine Zeit, wo jungen Leuten gute Produktionsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt wurden. Es finden auch kaum mehr Ausstellungen statt; nur mehr der Höhenrausch und die Ars Electronica Ausstellung. Die Biennale Cuvées halte ich für besonders entbehrlich. Ich möchte niemanden auf den Fuß treten, weil es eigentlich nicht mein Bier ist, aber ich habe wirklich das Gefühl, dass alles softer geworden ist. Man merkt es auch ein wenig im Lentos. Im Landesmuseum muss man erst sehen, wie es weiter geht. Jetzt sieht man noch die Handschriften von Martin Hochleitner und Peter Assmann. Im allgemeinen finde ich das, was dort passiert, noch am spannendsten. Im kleinen Rahmen gibt es aber schon auch interessante Initiativen – wie den Kunstraum Goethestraße oder das bb15.

Du beschreibst dich selbst als kultureller Auftrags- und Saisonarbeiter. Seit 1992 arbeitest du auf selbstständiger Basis. Was war der Grund, dich für diese Art des Arbeitens zu entscheiden?

Die Sorge, andernfalls ein Magengeschwür zu bekommen. Ich war vorher 17 Jahre lang im Brucknerhaus angestellt. Dabei habe ich die letzten 5 Jahre das Ars Electronica Festival im Brucknerhaus geleitet. Nach fünf Jahren war es aber höchste Zeit, das Ding zu verlassen. Das hatte institutionelle Gründe und mir ist auch auf die Nerven gegangen, alles nach der Avanciertheit der Medien zu beurteilen. Mir war wichtiger, das Performative und den Festivalcharakter zu stärken. Deswegen habe ich damals entschieden zu kündigen. Dann ging es recht schnell und ich bekam Einladungen nach Japan, zum Steirischen Herbst und eben auch zum SPIELART-Festival nach München.

Was brauchst du, damit du gut arbeiten kannst?

Herausforderungen. Das ist das wichtigste. Jedes Projekt bedeutet viel Lernen. Für das Festival der Regionen in Ebensee habe ich schon einen Stapel Bücher gelesen. Die Recherche ist wichtig, um Zugänge zu finden. Es ist auch wichtig, nie zu viel Routine zu entwickeln. Im Pragmatischen ist sie zwar wichtig, aber inhaltlich möchte ich das vermeiden … „Nichts übersteht den Ekel vor der ewigen Wiederholung“ – heißt es bei Whitehead. Es gibt Kunstkuratoren, die sich als Spezialisten für einen ganz abgesteckten Bereich etabliert haben und das sind richtige Koryphäen. Dagegen ist nichts zu sagen. Doch für mich ist das nicht interessant. Ich brauche die ganze Welt.

Titelbild: Ilona Schwab

Teile diesen Artikel auf

Zurück zur Artikelübersicht