Jetzt bin ich so weit und kann sagen: „Ich gehe in den Wald!“

 

Sabine Traxler und Johannes Bauer-Marschallinger sind am Bauernhof aufgewachsen. Gleich nach der Schulzeit sind sie vom Land „geflüchtet“. In den letzten zwei Jahren haben sie sich für ihr Anliegen Zeit genommen, die weiblichen Rollenbilder in der Landwirtschaft genauer zu reflektieren. An den heimischen Höfen fehlt ihnen vor allem eine Kultur, die Dinge von Zeit zu Zeit neu zu verhandeln. Mit ihrem Dokumentarfilm „Bäuerin Macht Image“ wollen sie der Landwirtschaft nun einen Spiegel vorsetzen. Der Film läuft am 22. Oktober im Moviemento in Linz (18:30 Uhr) und am 23. Oktober im Kino Freistadt (20:00 Uhr).

Ihr seid beide am Bauernhof aufgewachsen. Zurückblickend – was habt ihr dort gelernt, was ihr woanders nicht gelernt hättet?

Sabine: Dass man auch dann arbeiten muss, wenn alle anderen gerade nicht arbeiten und auch wenn man keine Lust hat.

Johannes: Dem kann ich zustimmen. Ich habe noch den Spruch „Was getan ist, ist getan!“ im Ohr. In der Zeit habe ich bis zu einem gewissen Grad natürlich auch gelernt, wie die Landwirtschaft funktioniert.

S: Ich habe das gelernt, was ich unmittelbar gearbeitet habe: Wie füttert man die Kühe? Wie baut man Rüben an? Wie produziert man Lebensmittel für die Kühe und für einen selbst? Wie baut man Erdäpfel an? Wie funktioniert das Dreschen und Holzhacken? Wie schlachtet und zerlegt man eine Sau?

Ihr beide habt euch – zumindest vorläufig – gegen eine Laufbahn als Bauer oder Bäuerin entschieden? Was hat für euren Weg, nach Linz zu gehen und zu studieren, gesprochen?

J: Die Neugier. Ich wollte immer schon möglichst viel wissen.

S: Bei mir waren es die mangelnden Optionen vor Ort.

J: Für mich war es eigentlich nie ein Thema, den Hof zu übernehmen.

S: Ich habe mich in der Schule oft geschämt, dass wir zuhause einen Bauernhof haben und wurde von meinen Klassenkameraden gehänselt. Ich war die einzige aus einer Bauernfamilie im Gymnasium.

J: Solche Erfahrungen habe ich zum Glück nicht gemacht.

Ihr habt euch in eurem Projekt „Bäuerin Macht Image“ über zwei Jahre mit der  Rolle der Frau bzw. mit Rollenbildern am Bauernhof beschäftigt. Was hat euch am Thema gereizt?

J: Unsere These und unsere Erfahrung war: die Verkrustung der Rollenbilder ist vor allem am Land und in der Landwirtschaft zu finden. Da haben wir begonnen, uns in unserem Umfeld intensiver damit zu beschäftigen.

Was habt ihr erfahren? Wo stimmt eure These – wo nicht? 

J: Das hängt von vielen Faktoren ab: beispielsweise vom Alter. Je älter die Bauern und Bäuerinnen, desto traditioneller ist die Rollenaufteilung. Mehrere unserer Gesprächspartnerinnen, zum Beispiel die dreiundsiebzigjährige Altbäuerin Theresia Oblasser, haben das bestätigt.

S: Es ist so: Der Mann hat die Repräsentation nach außen. Er ist der Bauer. Er trifft die Entscheidungen; die Frau „hackelt wie ein Vieh“ und macht die Innenarbeit. Sie kümmert sich um Kind, Haus und Hof. Wenn’s notwendig ist ,wird „ohne großes Brimborium“ die Arbeit der Männer mitgemacht.

J: Doch das kann man nicht verallgemeinern. Es scheint von Region zu Region zu variieren. Eine unserer Gesprächspartnerinnen, die Bäuerin Maria Jachs, hat das ganz anders geschildert. Für sie war es beispielsweise möglich, in die Landespolitik zu gehen. Es hat für diesen Weg Verständnis gegeben. Sie wurde von ihrem Umfeld und ihrer Familie unterstützt.

S: Was wir auch erfahren haben: Mit der zunehmenden Mobilität und dem Zugang zu Bildung hat sich viel für die Frauen verändert. Plötzlich konnten sie ebenfalls einen Beruf erlernen. Vorher hat sich für die meisten Frauen das gesamte Leben rein am Bauernhof abgespielt.

Wichtig zu sagen ist: Die Arbeit, welche die Frauen machen, wird tendenziell viel weniger wertgeschätzt. Sie bekommen dafür kaum Anerkennung: Es ist also nichts wert, wenn du nebenbei deine Kinder erziehst; Es ist selbstverständlich, dass die Wäsche gewaschen ist, der Gemüsegarten in Schuss ist und zu Mittag für 10 Personen gekocht ist.

Das Schwierige am Bauernhof – bei Familienbetrieben – ist wohl auch, dass sich das Berufliche und Familiäre so stark ineinander verschränken. Was trägt zum Einkommen bei uns was nicht? Es ist wohl schwierig, das sichtbar zu machen.

S: … und als Frau kann man es sich einfach nicht aussuchen. Das habe ich selber schon erlebt. Ein Beispiel: Die Männer entscheiden, in den Wald zu gehen, um Holz zu machen. Und es ist ganz klar, dass die Frauen nicht in den Wald gehen. Von ihnen wird erwartet, die Jause herzurichten, zu kochen und auf die Kinder aufzupassen. – „Du kannst es dir als Frau nicht aussuchen!“ scheint am Hirn zu stehen.

J: Woher kommt das? Auf vielen Höfen lautet wohl die Einstellung: „Man muss sich die Dinge nicht ausreden!“ Man „tut einfach“. Weil: „Wenn man immer alles besprechen muss, kommt man ja nicht zum Arbeiten!“ …

S: Schön gesagt!

J: … und das hat natürlich auch eine gewisse Berechtigung. Mich stört aber, dass es sofort als Affront angesehen wird, wenn man diese Zustände anspricht. Der Punkt ist: Es gibt keine Kultur, von Zeit zu Zeit die Dinge neu zu verhandeln.

S: Bei meinem Beispiel hätten wir sagen sollen: „Heute gehen wir in den Wald. Wer möchte mitgehen und wer möchte kochen?“. Das passiert aber in der Praxis nicht.

Warum?

S: Es ist ganz selbstverständlich, dass du als Frau zuhause bist und kochst. Es ist ganz klar, dass du nicht in den Wald gehst. Wieso willst du auch in den Wald gehen??

Das, was ihr in eurem Projekt vorhattet, ist, über die Radiosendungen und den Film Bewusstseinsarbeit zu machen, zu reflektieren, die Dinge neu zu verhandeln. Konkret auf dein Beispiel bezogen, Sabine, und in weiterer Folge auf das Projekt: Gab es durch die Interventionen schon erste Erfolge und Wirkungen? Ist etwas sichtbar geworden?

S: Mein Vater hat mittlerweile akzeptiert, dass ich mich auf seine Maschinen sitze und damit fahre. Er hat nicht mehr ganz soviel Angst, dass ich sie kaputtmache.

J: Durch unsere medialen Produktionen erzeugen wir sicher etwas. Es zeigt den Leuten, wie man über Rollen reflektieren kann. Gedankliche Prozesse haben wir bestimmt angestoßen. Das Bedürfnis der Bäuerinnen dafür, ihre eigenen Rollenbilder zu hinterfragen, ist jedenfalls vorhanden. Unser Projekt kann dann eine Bestätigung sein.

S: Und es ist ein Thema, das alle betrifft, egal in welchem gesellschaftlichen Bereich.

J: Wenn du in diesen Zusammenhängen eine Kleinigkeit verändern willst, explodiert sofort alles.

S: Es geht um die Möglichkeit, sich als Frau die Dinge auszuwählen und Wertschätzung zu bekommen.

Für mich entsteht folgendes Bild: Anscheinend gibt es dieses perfekte Modell, das über Jahrhunderte entwickelt wurde und sich bewährt hat: „Wie kann man als Familie eine Landwirtschaft führen?“ Im übertragenen Sinn gesprochen: Man kann sich dieses Modell im Supermarkt von der Stange nehmen und kann auch sofort loslegen. Man muss nicht viel drüber reden. Alle nutzen dieses Modell. Das war immer schon so und man muss nicht lange verhandeln. Heute hat das Modell aber Risse. Der Anzug sitzt oft nicht mehr richtig, denn die Frauen und Männer und das Umfeld hat sich verändert. Viele Menschen zwängen sich trotzdem hinein und es zwickt an allen möglichen Stellen. Es treten Konflikte auf.

S: Das ist ein stimmiges Bild. Der eine fühlt sich im Anzug noch wohl, der andere aber nicht mehr.

J: Das war ja auch unser Ansatz im Projekt. Wir sagen nicht: „Liebe Leute, uns gefällt euer Anzug nicht, ihr schaut nicht schön aus. Bitte kauft’s euch doch was Gescheites zum Anziehen!“ Sondern: „Betrachtet euch im Spiegel. Gefällt euch das, was ihr seht? – Da gäbe es noch andere Modelle, über die man nachdenken kann.“ Ich hoffe, wir haben es geschafft, unseren Ansatz auf diese Weise zu vermitteln und nicht mit einem erhobenen Zeigefinger.

Euer Film wird beim Festival „Der neue Heimatfilm“ in Freistadt gezeigt. Wenn ihr den Film seht, was erzählt euch der Film über euch ganz persönlich? 

J: Dass mich Landwirtschaft und die Menschen interessieren. Es zeigt mir, dass ich gerne Dokumentationen mache und dass ich das Arbeitsausmaß unterschätze! Auch dass das Leben am Land für mich einen hohen Wert hat und dass ich mit dem Industrialisierungsgrad, den wir jetzt haben, gut leben kann. Das Verhältnis und die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau  ist für mich persönlich ein Thema, das nicht abgeschlossen ist. Wie spricht man darüber? Das interessiert mich.

S: Der Film erzählt mir, dass ich meine Wurzeln in der Landwirtschaft habe und dass ich Zeit meines Lebens ein Problem damit hatte, dass die Männer sagen, was zu geschehen hat und dass die Frauen das zu tun haben; dass man in ein bestimmtes Tätigkeitsfeld gedrängt wird. Das hat mich immer schon gestört. Nach diesem Projekt habe ich jetzt das Gefühl, dass ich besser damit umgehen kann. Jetzt bin ich so weit und kann sagen: „Ich gehe in den Wald!“

Danke für das Gespräch.

HINWEIS: Bäuerin.Macht.Image: Filmvorführungen: 22. Oktober im Moviemento in Linz (18:30 Uhr) und am 23. Oktober im Kino Freistadt (20:00 Uhr)

Projekt-Website: Bäuerin Macht Image

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