Ilona Roth: „Es gibt kein wenn und aber mehr.“

 

Die Tänzerin und Choreographin Ilona Roth gründete 2008 die Tanzinitiative RedSapata. Ziel ist, den Zugang zu zeitgenössischen darstellenden Kunstformen zu fördern. Derzeit arbeitet sie gemeinsam mit ihren Kolleginnen an der zweiten Auflage des „tanzhafenFESTIVALS“, das im April in Linz stattfinden wird. Ilonas Tanz-Produktion „Poptries“ gastiert am 26. Februar im Posthof. Einige von vielen Gründen, mich mit ihr zu unterhalten. Ein Gespräch über Vernetzung, Kunst, Führung, Meditation und … Kreisbewegungen.

Ich habe dich als eine Person kennengelernt, in deren Leben Vernetzung eine große Rolle spielt.

Ich sehe mir gerne unterschiedliche Themen an, fahre gerne mehrgleisig und habe bisher viel Konträres ausprobiert. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass man jedes Fachwissen auf andere Felder übertragen kann. Sobald ich beginne, mich für ein Thema und für Menschen zu interessieren, öffnen sich neue Horizonte. Das ist der Kerngedanke, warum mir Vernetzung sehr wichtig ist. Bei RedSapata spielt Vernetzung natürlich auch eine wichtige Rolle. Unser Raum hier in der Tabakfabrik ist ein manifester Vernetzungspunkt, an dem viel möglich ist.

Hat sich RedSapata aus dieser Notwendigkeit heraus entwickelt?

Es hat sich vor allem aus dem Bedürfnis nach Ressourcen entwickelt. Und zwar auf zwei Ebenen: Zuerst gab es das Bedürfnis der Kunstschaffenden nach einem Produktionsraum, also einem gut ausgestattetem Tanzstudio, um Bühnenwerke entwickeln zu können. Dann wollten wir noch eine Schnittstelle zu Laien schaffen. Das hat neben dem Finanzierungs- auch einen Öffentlichkeitsaspekt. Indem wir unterschiedliche Kurse wie zeitgenössischer Tanz, Modern Dance und so weiter programmieren, schaffen wir Andockpunkte zu unserem potenziellen Publikum. Eine permanente Schnittstelle zur Öffentlichkeit ist einfach wichtig.

Wie siehst du die Wahrnehmung und das Interesse am zeitgenössischen Tanzschaffen hier in der Stadt ?

Auf Förderebene hat sich etwas entwickelt. Alleine schon durch den neuen Kulturdirektor. Da ist heute mehr Aufmerksamkeit da als noch vor einigen Jahren und diese zu bekommen hat lange gedauert. Was die breite Öffentlichkeit anbelangt, glaube ich, dass noch viel zu tun ist. Wir machen dieses Jahr wieder das tanzhafenFESTIVAL, um in der Stadt eine breite Sichtbarkeit für zeitgenössischen Tanz zu schaffen. Festivals sind zwar aufwändig und sie kosten viel Geld und dürfen ruhig auch in Frage gestellt werden, aber im Falle des zeitgenössischen Tanzes machen sie wirklich Sinn, weil es die einzige Möglichkeit ist, die Aufmerksamkeit des Publikums stark zu fokussieren. Mit sanfteren Methoden scheint das nicht zu funktionieren. Das Festival dient also eine schnelle und radikale Methode, die zeitgenössische Tanzkunst sichtbar zu machen.

Das Tanzhafen-Festival hat 2013 zum ersten Mal stattgefunden. Was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

Wir haben festgestellt, dass ein Festival ein gutes Mittel ist, viele Menschen zu erreichen. Veranstaltungen haben unter anderem im Kunstmuseum Lentos stattgefunden und das Publikum hat sich als extrem offen herausgestellt – wir hatten irrsinnig großen Zuspruch. Es waren zehnmal mehr Besucher da, als wir erwartet hatten. Das Festival hat also tatsächlich eine Sichtbarkeit für diese Kunstform geschaffen.

Euer Festival wird in diesem Jahr von 23. bis 27. April stattfinden. Was ist geplant? Was wird anders laufen?

In diesem Jahr werden wir eine Jury haben – das ist neu. 2013 gab es keine Ausschreibung. Wir haben KünstlerInnen direkt eingeladen und dabei waren wir nicht besonders selektiv. Ein Hauptgrund war, dass wir wenig Zeit zur Verfügung hatten. Wir waren dann auch mit der Programmierung nicht ganz glücklich. Heuer wollen wir wieder eine Vielfalt zeigen aber stärkere Orientierung geben. Wenn es Beiträge aus der zeitgenössischen Tanzkunst, aus dem Community-Dance oder aus der Performance-Richtung gibt, soll diese Kategorisierung dem Publikum transparent sein. Wir haben in diesem Jahr eine Ausschreibung gemacht und dabei fast 100 Einreichungen bekommen. Die Auswahl der Beiträge wird wie gesagt eine Jury treffen. Auch organisatorisch haben wir uns neu aufgestellt, indem wir Inhaltliches und Organisatorisches stärker trennen.

Du bist auch künstlerisch tätig. Wie schaffst du es, das Organisatorische und deine künstlerischen Projekte gut zu kombinieren? 

Meine künstlerische Arbeit kommt seit 2012 hier und auch international sehr gut an und das freut mich sehr, weil meine Arbeiten sind ja auch meine „Babies“. Die künstlerische Arbeit in unserem Bereich ist mit sehr viel organisatorischer Arbeit verbunden. Ich würde fast behaupten, der organisatorische Anteil beläuft sich auf 70 Prozent. Davon habe ich einen Großteil an mein Tour-Management auslagern können. So klappt das ganz gut. Das ist die Mega-Strategie!

Was ist deine künstlerische Vision? Was treibt dich an?

Es muss für mich immer was Neues sein – ein neues Feld. Bei der letzten Arbeit „Poptries“, die im Februar im Posthof gezeigt wird, haben wir mit überzeichneter Ästhetik gearbeitet. Die Arbeit ist von Comics inspiriert. Wir persiflieren Charaktere. Es sind 3 Manga-Figuren auf der Bühne und das Thema Identität spielt eine Rolle. Ich reduziere meine Arbeiten aber nie auf eine Aussage. Vielmehr öffne ich ein Fragen-Feld und arbeite um ein Thema herum. Die Arbeit ist keine geschlossene Reise sondern macht Kreise auf, die immer weiter aufgehen. Rein dramaturgisch macht es auch immer nur auf und auf und auf. Dabei können einem Betrachter ganz intuitiv 10.000 Interpretationsmöglichkeiten einfallen – obwohl wir auf der Bühne nie eine einzige Message senden, entstehen beim Publikum erfahrungsgemäß dann doch sehr konkrete und direkte Interpretationen.

Trailer „Poptries“ – am 26. Februar im Posthof Linz

Du studierst derzeit an der Fachhochschule Krems Unternehmensführung. Wo ergänzen sich Unternehmensführung und zeitgenössischer Tanz?

Wie der Name schon sagt: Unternehmensführung ist ein Studium, bei dem es um Führung geht. Man lernt auch, sich im Betrieblichen zurechtzufinden. Für mich ist es aber fast wie ein Psychologiestudium. Man lernt Methoden, um sich selber und Projekte gut zu führen. Kunst und Wirtschaft stehen ja eher im Widerspruch. An solchen Widersprüchen mag ich aber, dass man zwei Perspektiven einnehmen kann und dadurch mehr Information gewinnt. In meinem Studium bin ich mit Leuten zusammen, die nicht aus meinem Feld kommen und da entstehen in den Gesprächen ziemlich konträre Gesichtspunkte. Dieses Konträre ermöglicht dir – wenn du dich darauf einlässt – mehr Information von den Seitenrändern der Themenfelder zu erhalten. Du bewegst dich nicht nur zwischen zwei Polen sondern machst eine Kreisbewegung um die Widersprüche herum und bekommst mehr von allem mit. Das macht es auch möglich, zwischen mehreren Gesichtspunkten zu wechseln und besser in alle Personen, Argumente, Strategien etc. einzufühlen.

Was ist dein Verständnis von Führung?

Führung ist das Schaffen von Beziehungen – mit dieser Definition aus der Literatur kann ich sehr viel anfangen, weil es den Vernetzungsgedanken widerspiegelt. Es geht nicht darum, zu kontrollieren, sondern Beziehungen herzustellen.

Spielt Führung im zeitgenössischen Tanz eine Rolle?

Nicht wie im Standard-Tanz, wo sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Rolle spielt. Im zeitgenössischen Tanz verwendet man andere Begriffe. Hier geht es um das Wechselspiel von Geben und Nehmen.

Wir haben uns ja vor wenigen Wochen in Vorarlberg bei einem Meditations-Seminar getroffen. Seither möchte ich dir die Frage stellen: Was bedeutet dir Meditation?

Es hat die Wirkung, dass man widerstandsfähig wird. Für mich steht bei der Meditation nicht die Ruhe im Mittelpunkt, sondern die Flexibilität, die man dadurch entwickelt. Unsere Kultur ist total stressig und es gibt so viele Gelegenheiten, wo man sich sagt: jetzt reicht’s! Ich bin permanent in vielen Projekten involviert und die Meditation ermöglicht mir hier, ruhig und bei mir zu bleiben. Doch ich meditiere nicht mit dem Ziel, widerstandsfähig und ruhig zu werden, sondern weil es einfach interessant ist. Meditation ist eine Art Training des Geists, der Aufmerksamkeit und des Seins. Man beginnt, sich mit sich selbst auszukennen. Und das alleine ist bereits Wirkung genug.

Ein Effekt bei mir ist, unabhängiger von äußeren Effekten zu werden; stärker aus mir selbst heraus agieren zu können.

Ja, man gewinnt mehr Kontrolle über sich selbst. Es gibt kein wenn und aber mehr. Diese endlosen Gedankenkreise, die sonst permanent präsent sind, verschwinden. Die braucht man nicht mehr.

Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Klarere Entscheidungen werden möglich. Danke für deine Zeit und das Gespräch.

Gerne.

Titelbild: Violetta Wakolbinger

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