Ingo Leindecker und Thomas Diesenreiter: “Und bist du nicht willig …”

 

Das Cultural Broadcasting Archive (CBA) ist eine wichtige offene Plattform für audio(visuelle) Inhalte. Ingo Leindecker und Thomas Diesenreiter entwickeln das Archiv, das auf Initiative von Radio FRO vor über zehn Jahren entstanden ist. In meinem Gespräch mit den beiden plädieren sie für einen Bewusstseinswechsel bei den Freien Radios – der Kampf um “das Recht zu senden” müsse jetzt auch im Netz geführt werden. Die Bedeutung von Archiven in der Wissensgesellschaft thematisiert die Konferenz ARCHIVIA im Rahmen der Ars Electronica.

Ihr betreibt das Cultural Broadcasting Archive ja nicht nur als Programmierer, sondern treibt das Gesamtprojekt auch als Aktivisten und Entwickler maßgeblich voran. Welche Rolle liegt euch am meisten?

IL: Das Spannende an diesem Projekt ist, unterschiedliche Facetten abdecken zu können. Ich sehe mich schon als Techniker, beschäftige mich aber sehr gerne inhaltlich und theoretisch mit der Materie. Beide Aspekte zu vereinen ist mir in meiner Arbeit generell wichtig.

TD: So gerne ich mit Ingo nächtelang beim Programmieren sitze und das Ding weiterentwickle … Am spannendsten ist die politische Perspektive und die Möglichkeit, das Tool einer möglichst großen Bandbreite an Organisationen für ihre Arbeit in die Hand zu geben. Ich bin ein Netzwerker und freue mich, dass so viele Personen und Gruppen das Tool nutzen.

IL: Das CBA ist aus der Idee der Tactical Media entstanden: Radio FRO hat versucht, sich auf internationaler Ebene zu vernetzen und künstlerische Praktiken und Techniken umzudeuten und zweckzuentfremden – also sich technische Errungenschaften für eigene Zwecke anzueignen und im Sinne von Hacking anders zugänglich zu machen. Aus dieser Tradition heraus kann man die Arbeit an der CBA sehen.

TD: Heute ist es spannend, mit dem CBA eine Alternative anzubieten. Wir können als Zwei-Personen-Team natürlich nicht mithalten mit Entwicklungsburgen wie Archive.org oder Google, aber es ist eine Nische, die wir besetzen. Dabei finde ich es essentiell, Alternativen zu den kommerziellen Plattformen zu haben.

Aus welcher Notwendigkeit heraus ist das CBA entstanden?

IL: Ganz ursprünglich stand der Sendungsaustausch im Vordergrund. Damals hat man noch Kassetten und CDs verschickt. Das war also eine wesentliche Erleichterung des Arbeitsalltags. Auf der anderen Seite hat der Innovationscharakter eine starke Rolle gespielt.

Damals ging es also ganz pragmatisch um eine Erleichterung des Austauschs zwischen den Radiostationen?

IL: Ja, aber auch der Archivgedanke war schon vorhanden. Es wurde der Grundstein gelegt, etwas wie eine nachhaltige Dokumentation der eigenen Radioarbeit entstehen zu lassen. Wäre das CBA nicht, gäbe es vielleicht bei den einzelnen Radios nicht viel mehr als einzelne Archivbestände, die völlig undokumentiert wären.

TD: Das Projekt hat sich in Schüben entwickelt. Der letzte große Entwicklungsschritt fand statt, als ich zum Projekt gestoßen bin. 2009 haben wir das CBA mit einer völlig neuen Software relauncht. Ein ganz banales Beispiel: es gibt jetzt einen Play-Button, mit dem du die Beiträge direkt auf der Seite anhören kannst. Das ist ein viel direkterer Zugang und eröffnet eine neue Perspektive – gerade für jene SendungsmacherInnen, die das Internet aktiv als Medienkanal nützen wollen.

Für die Freien Radios gilt es, das CBA weiterzuentwickeln, die Pioniererfahrung der vergangenen Jahre zu nutzen und sich Gedanken zu machen, wie das Freie Radio in zehn Jahren aussehen kann. Wenn die Leute nur mehr mit Tablets und Smartphones herumlaufen und keiner mehr einen Computer zuhause stehen hat; wenn die analogen Funkfrequenzen abgeschaltet werden: wie kann man die Leute dann am besten erreichen? In Wirklichkeit spielt ja der Übertragungsweg mittlerweile keine große Rolle mehr. Das wichtige ist der Inhalt – und hier gibt es mit dem CBA die große Chance, sehr früh neue Sachen auszuprobieren und neue Wege erschließen zu können.

Gehen wir zur Gegenwart zurück. Das CBA ist als Austauschplattform entstanden und hat sich zum Archiv entwickelt. Was ist die Plattform heute für euch?

TD: Ich sehe mehrere Standbeine, denn es erfüllt unterschiedliche Funktionen, die nicht nur für den Alltag der Freien Radios wichtig sind. Die Einstiegsseite des CBA spiegelt das schön wider: wir begrüßen die Leute mit „Austauschplattform, Archiv, Podcast-Provider und Zeitdokument“. Es ist also eine ganz pragmatische Austauschplattform für den Alltag der freien Radios, ein Archiv als Datensammlung, die für Recherchen frei zur Verfügung steht und es ist ein Podcast-Provider. Dieser Punkt bezieht sich auf die Funktion, eine zusätzliche HörerInnenschaft im Netz zu erreichen. Schlussendlich ist es auch ein Zeitdokument, das sich über die letzten 14 Jahre entwickelt hat. Die Frequenz der veröffentlichten Beiträge ist kontinuierlich steigend. Das CBA ist eine Fülle von Daten, die das politische und gesellschaftliche Leben einzelner Regionen dokumentieren.

Mittlerweile gibt es im Netz unzählige Angebote eigene Inhalte kostenlos zu veröffentlichen. Was macht das CBA in diesem Kontext weiterhin bedeutsam?

TD: Erstens ist das Archiv eine Sammlung von ähnlichen Inhalten. Die Leute, die etwas auf das CBA laden, sind auch gleichzeitig die stärksten Nutzer des Archivs. Da gibt es also einen Community-Aspekt. Auf der anderen Seite haben wir ganz dezidiert kein kommerzielles Verwertungsinteresse. Die Daten bleiben zu 100% unter der Kontrolle der User. Das ist manchen sehr wichtig und gerade dieses Thema wird immer publiker. Die Leute beginnen vermehrt zu überlegen: “möchte ich Google meine Daten für die Verwertung gratis zur Verfügung stellen?”

IL: Neben der absoluten Werfefreiheit ist auch die Unabhängigkeit der Infrastruktur, die derVerband der Freien Radios zur Verfügung stellt, eine besondere Stärke. Es ist also eine politisch unabhängige, dem freien Zugang zu Information verschriebene Serverinfrastruktur und die Produktionsmittel liegen bei den freien Radios selbst.

TD: Servus.at ist unser langjähriger Partner, der die Infrastruktur betreibt. Wir verwenden auch ausschließlich freie Software für den Betrieb des CBA.

Ihr möchtet das CBA also einerseits noch stärker zu einer Community Plattform machen. Auf der anderen Seite versucht ihr, mit eurem Open Source Projekt auch auf BetreiberInnenseite die Community auszubauen. Worum geht’s in der Kampagne?

IL: Bis dato gibt es in dem Sektor noch wenige Open Source Lösungen. Wir wollen den Quellcode offenlegen und dazu muss er zuerst dokumentiert werden – damit er auch erweiterbar wird. Dann können andere den Code runterladen, ihn bearbeiten und für eigene Zwecke und Maßstäbe anpassen. Neue Leute von außen werden also an das Projekt andocken können. Wenn dann jemand für sich ein zusätzliches Modul entwickelt und die Funktionalität erweitert, dann können auch alle anderen davon profitieren. Ziel ist, das Projekt damit stärker zu streuen. Wir wollen, dass mehr private Archive ins Netz kommen. Es gibt viele schlummernde Datenbestände, die von großem öffentlichen Interesse sind, aber mitunter aus technischen Gründen noch nicht veröffentlicht wurden.

Im Rahmen der ARS wird es am 31.8 und 1.9. die ARCHIVIA-Konferenz geben. Sie wird die Bedeutung der Archive im allgemeinen thematisieren. Dabei soll es genauso um die Probleme gehen, mit denen die digitalen Archive aktuell konfrontiert sind. Was erwartet ihr euch von der Konferenz?

TD: Die Konferenz ist ein vorläufiger Höhepunkt einer politischen Kampagne. Das Thema beschäftigt uns ja schon jahrelang.

Was sind die Probleme, vor denen das CBA jetzt konkret steht?

TD: Schwierig wird es prinzipiell immer dann, wenn Rechte Dritter berührt werden. In den traditionellen Mediensektoren wie dem UKW-Rundfunk ist klar geregelt: du hast als Frequenzinhaber das Recht zu senden und die Rechteverwerter haben die Pflicht, dir eine (kostenpflichtige) Lizenz zu geben. Dieses Recht „zu senden“ – also Inhalte (zB. eine Radiosendung) zur Verfügung zu stellen – gibt es im Onlinebereich aber noch nicht. Damit ist man als kleiner Archivbetreiber wie wir natürlich in einer sehr schwierigen Verhandlungsposition.

IL: Man ist zusätzlich den Rechteinhabern ausgeliefert, ob es überhaupt eine Lizenz gibt.

TD: Wenn man sich ansieht, dass sogar riesige Konzerne wie Google oder Amazon groß mit den Rechteverwertern, -inhabern und Labels prozessieren und es jahrelang dauert, sich zu einigen, dann wird deutlich, dass es für kleine Betreiber noch viel schwieriger ist, Vereinbarungen zu treffen. Deshalb sind wir davon überzeugt, dass es eine politische Lösung braucht. Wir können uns Einzelabsprachen schlichtweg nicht leisten. Das heißt: Was sich die Freien Radios in den 80er und 90er Jahren erkämpft haben muss jetzt wieder erkämpft werden: das Recht, zu senden – dieses Mal aber im Netz.

IL: Wir sprechen hier explizit von nicht-kommerziellen Archiven, die den freien Zugang zu Information zum Thema haben. Es ist ja so: die Inhalte, um die es sich da dreht, wurden ohnehin bereits aus Mitteln der öffentlichen Hand und im öffentlichen Auftrag finanziert. Wir sind der Meinung, dass es möglich sein muss, diese Inhalte der Gemeinschaft auch wieder zuführen zu können. Bei nicht-kommerziellen Angeboten muss das öffentliche Interesse einfach wichtiger sein als das kommerzielle Verwertungsinteresse von einigen Wenigen. Um diese Frage dreht sich die Diskussion letztendlich.

TD: Es ist ja absurd, dass, wenn in einer einstündigen Radiosendung, in der ein Lied von Madonna gespielt wird und die sich dann jemand runterlädt, die Einkommenssituation von Madonna gefährdet sein soll …. Klar, für die Rechte Dritter muss natürlich auch eine Lösung gefunden werden, aber das ist nicht der primäre Grund, warum wir das Archiv betreiben.

IL: Die politische Kampagne ist auch dazu da, uns mit anderen Organisationen vernetzen und dem Thema auf breiter Basis Raum in der politischen Diskussion zu verschaffen. Bis dato gibt es ja für solche Archive keine Lobby.

Ist das also die zentrale Frage, die es zu klären gilt, um die Zukunft der Archive im Internet zu gewährleisten?

IL: Genau. Wichtig ist auch, sich gegenüber der Politik als Bündnis bemerkbar zu machen. Momentan werden die UrheberInnen gegen die „bösen“ KonsumentInnen ausgespielt und die Verwertungsindustrie, die dieses Verhältnis maßgeblich bestimmt, wird überhaupt nicht thematisiert.. Überhaupt kommen viele Gruppen, die politische Ansprüche im öffentlichen Interesse zu reklamieren hätten, in dieser Debatte überhaupt nicht vor. Es ist wichtig, dass diese Standpunkte und andere Perspektiven auf das Thema ebenfalls sichtbar werden. Worum es geht ist ja der Zugang zu Information für alle.

Gibt es innerhalb der CBA-Community ein Bewusstsein für die demokratiepolitische Bedeutung des Archivs?

TD: Man merkt schon, dass ein Paradigmenwechsel in der Nutzung stattfindet. Es gibt SendungsmacherInnen, die ihre Programme auf das CBA laden und dann den Radiostationen den Link schicken und sie bitten, das File auf diese Art zu senden. Das bedeutet, dass das CBA mehr und mehr zum Erstausstrahler wird. Ich glaube, dass wir in der Debatte um die Zukunft der freien Radios ziemlich am Anfang stehen. Wie kann man sich weiterentwickeln, um auf die neuen technischen Gegebenheiten einzugehen und diese aktiv zu nutzen? Ich glaube, dass man hier noch viel mehr Energie investieren müsste.

Wenn wir es geschafft haben, das CBA rechtlich abzusichern – das ist auch ein Ziel der Kampagne – wird sich ein Möglichkeitshorizont eröffnen, Radio neu zu denken. Wie sieht eine freie Radiostation in fünf bis zehn Jahren aus? Das interessiert mich am meisten. Jetzt werden wir noch zurückgehalten durch die Befürchtung, dass das Archiv angreifbar ist, dass es sich im rechtlichen Graubereich bewegt.

Was ist eure Vorstellung, wie das in zehn Jahren aussehen wird?

TD: Ich glaube, dass wir in zehn Jahren strukturell anders aufgestellt sein müssen, um mithalten zu können. Wir werden mehr Leute sein und mehr Ressourcen haben müssen, um das Ding weiterentwickeln zu können. Es ist ein Wahnsinn, wie rasant die Webtechnologie sich weiterentwickelt. Mit HTML5 stehen wir noch am Anfang und es ist erst in Grundzügen absehbar, wo das hinführt. Keiner von uns hätte sich vor 2 Jahren vorstellen können, dass wir einen Online Schnitt-Editor haben werden, der mit offenem HTML-Standard geschrieben ist und mit dem UserInnen ihre Radiosendungen schneiden können … Wie diese Plattform in fünf Jahren aussehen wird, weiß ich aber nicht. Ich hoffe, dass wir bis dorthin stark genug bleiben, um weiterhin an der Spitze der Entwicklung zu stehen.

IL: Ich hoffe und glaube, dass in den nächsten Jahren das Bewusstsein für den politischen Aspekt dieses Archivs stark zunehmen wird und dass sich die Sicht der Dinge auf die Plattform ändern wird – auch innerhalb der eigenen Community … Ich glaube auch, dass die Distributionsangebote wie die eigenen Websites der einzelnen freien Radios, stärker mit der Plattform zusammenwachsen werden. Das CBA wird auch als Analysewerkzeug wichtiger werden.

TD: Der Bewusstseinswechsel in der Community ist auch die Frage eines Generationswechsels, der ansteht. In sehr vielen freien Radiostationen sitzen keine Digital Natives in den Führungspositionen und Leitgremien … Wenn das so wäre, würde die Diskussion um die Zukunft des freien Radios anders laufen! Ich hoffe wirklich, dass so ein Umschwung bald passiert. Weil sonst springen die jungen Leute ab.

IL: Das veränderte Medienverhalten ist schon erkennbar. In der Studie hat man auch gesehen, dass die freien Radios tendenziell ein älteres Publikum ansprechen. Es fehlt also der Zugang zu einer jüngeren Generation, die mit völlig anderen Ansätzen an die Sache herangeht. Es geht für die freien Radios um die Übersetzung des eigenen Auftrags in die Netzsphäre, wo es nicht mehr um den Zugang zum terrestrischen Rundfunk sondern um andere und neue Schwerpunkte geht.

TD: An dieser Stelle möchte ich das wunderbare Peter Kruse-Zitat einbringen: „Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Geduld.“

IL: Ja, genau. „Steter Tropfen hölt den Stein“ lautet in dem Fall auch meine Strategie.

Danke für das informative Gespräch!

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