Iris Mayr: “Die Kunst, Fragen zu stellen”

 

Der Kepler Salon Linz versteht sich als Diskursraum und „Schaufenster der Wissenschaften“. Das Gebäude in der Altstadt beherbergte einst die Wissenschaftsikone Johannes Kepler. Seit über drei Jahren wird dort diskutiert und auf erfrischende Art und Weise Wissen vermittelt.  Iris Mayr ist Leiterin des Salons und für die Programmierung des Projekts verantwortlich, das aus der Kulturhauptstadt 2009 hervorging. Hat der Salon ein Erfolgsgeheimnis?

Im Frankreich des 18. Jahrhunderts war der Salon ein Ort der Subversion, an dem die Wegbereiter der Aufklärung die Zensur umgehen und relativ frei ihre Ideen diskutieren konnten. Inwiefern dockt der Kepler-Salon an dieser Tradition an?

Da muss ich zurückgreifen in die Vergangenheit. Die Idee ist ja von Uli Fuchs  (Anm.: Stv. Intendant Kulturhauptstadt Linz 2009) gekommen, der aus Deutschland das Konzept der Wissenschaftscafés kannte. Mit Silvia Keller hat er eine optimale Projektleiterin gefunden: sie hat die Geschichte des Salons recherchiert und hat sich mit der Kultur des Salons und verschiedenen Projekten, die  schon realisiert worden sind, beschäftigt – ein Beispiel das in dem Zusammenhang immer wieder fällt ist Hannah Hurtzigs „Schwarzmarkt des Wissens“. In Silvia Kellers Dokumentation erkennt man auch die unterschiedlichen Ansatzpunkte, die diskutiert wurden: Wie kann spannende Wissensvermittlung heutzutage funktionieren? Wie kann man den alten Begriff „Salon“ wiederbeleben? Wie spielt man mit dem Ganzen? Der Salon beschreibt ja eine lange Tradition, die beinahe vergessen wurde. Diese Tradition beinhaltet die Kunst, Fragen zu stellen und eine spezielle Art und Weise, sich mit Themen auseinanderzusetzen.

Der Veranstaltungsort hier heißt nicht nur Kepler-Salon, weil man auf Johannes Kepler rekurriert. Das Gebäude ist auch sein ehemaliges Wohnhaus.

Es ist eine schöne Zugabe, dass hier alles so perfekt zusammenpasst und wir in diesen schönen alten Räumen sitzen, die äußerst sensibel renoviert wurden. Das Flair des Alten konnte erhalten werden. In diesem Zusammenhang begleitet uns seit Anbeginn auch die Diskussion, ob der Kepler-Salon von diesem Raum abhängig ist – also die Frage, wie sehr das Konzept an den Ort gebunden ist.

Ich glaube ja, dass der Raum essentiell ist.

Für uns ist das auch so!

Bei den Veranstaltungen, die ich bisher hier besucht habe, bekam ich den Eindruck, dass das Setting vieles ermöglicht, was in anderen Räumen so nicht möglich wäre.

Richtig. Prinzipiell ist es wichtig, dass der Raum zentral liegt. Linz funktioniert sehr gut im Zentrum. Die Unis liegen doch sehr weit draußen und damit nicht so einfach erreichbar. So können wir uns gut positionieren. Weitere Komponenten, die sich selten vereinen lassen: Das hier ist ein geschichtsträchtiges Haus; beim Umbau gab es von allen Seiten gute Unterstützung – so konnte zum Beispiel diese alte Stiege gerettet werden. Darüber hinaus gibt es viele Punkte, die an dem Konzept ganz bewusst überlegt worden sind: Es wurde ein niedrige Sitzhöhe gewählt, auf ein Podium verzichtet und die Ausrichtung des Publikumsbereichs arena-artig angelegt. Bei gewissen Disziplinen ist es sehr wichtig, dass das typische „Powerpoint-Setting“ aufgebrochen wird.

Der Gastgeber hat beim Salon eine spezielle Rolle. Bei euch wird ebenfalls jede Veranstaltung von einem Gastgeber oder einer Gastgeberin geleitet. Ist das bewusst so angelegt?

In der Projektentwicklung war es ganz wichtig, wie die Person heißen soll, die den Abend leitet. Das wurde im Linz09-Team ausführlich diskutiert. Mit dem klassischen Moderator verbindet man ein relativ konkretes Bild und gewisse Regeln. Vor diesem Hintergrund war die Einführung des Begriffs Gastgeber von Anfang an bedeutsam. Ich war 2009 schon Gastgeberin und wir verstehen uns in dieser Rolle ganz klar als Anwälte des Publikums. Wir treffen uns einmal im Quartal und gehen Termine und Themen gemeinsam durch und wählen aus. Wir sind jetzt einen Pool von 14 Gastgebern und genau wie die Vielfalt der Programmierung sind hier Leute aus allen Richtungen dabei. Wir haben vom Studenten bis zur Pensionistin unterschiedlichste Leute mit verschiedenen Bildungsniveaus und Interessen. Sie sind als Gastgeber für den Abend verantwortlich und da geht es nicht nur darum, eine gute Diskussion mit dem Vortragenden zu führen, sondern vor allem dafür zu sorgen, dass es allen in dem Raum gut geht. Die Gäste sollen ermuntert werden, viele Fragen zu stellen. Den Besuchern viel Platz zu geben ist uns also sehr wichtig.

Wo kommen die Ideen her?

Ich versuche mir so viele Ideen wie möglich von Außen zu holen. Da tauchen Themen auf, die einfach brisant sind und gewünscht werden. Aktuell haben wir eine Liste von 300 bis 400 Vorschlägen. Manchmal kommen auch ganz konkrete Vorschläge, bestimmte Personen einzuladen oder dieses und jenes Thema wäre klasse. Ich bin total dankbar für die vielen Vorschläge und versuche, möglichst auf das Publikum zuzugehen. Gemeinsam mit dem Advisory Board wird die generelle inhaltliche Ausrichtung diskutiert und beschlossen. Die schlussendliche Programmierung im Kepler-Salon liegt dann bei mir.

In eurer mittlerweile über dreijährigen Geschichte ist es gut gelungen, zu Themen, die nicht besonders einfach konsumierbar sind, unterschiedlichste Gruppen zu interessieren. Welche Reichweite hat der Salon?

Es ist schwer messbar, aber ich glaube, dass wir eine unglaublich hohe Reichweite haben. Je nachdem, welches Programm wir machen, kommen immer ganz neue Leute rein. Zum Beispiel vor kurzem beim KUPF-Akademie Gespräch mit Tina Leisch und Stefan Haslinger: da war ein großer Anteil von ganz neuen Gästen im Haus, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Ich übersetze das für mich so: wenn nach drei Jahren immer noch ständig neue Leute ins Haus kommen haben wir einen unglaublich großen Wirkungskreis. Wenn ich nach außen gehe und frage, ob man uns kennt, sagen die meisten, dass sie uns verfolgen und mitbekommen, was wir machen. Ich fände es auch ziemlich langweilig, wenn wir nur für ein Stammpublikum programmieren würden.

Was macht dir an dieser Arbeit am meisten Spaß?

Es ist anders als das, was ich vorher kannte. Früher habe ich wie eine klassische Kunstkuratorin gearbeitet. Das heißt: eine Ausstellung mit einer Themenstellung in einem Bereich, in dem ich mich wirklich gut auskenne. Jetzt ist es so, dass ich es mit vielen Themengebieten zu tun habe, in denen ich mich nicht auskenne. Das ist die große Herausforderung. Man muss das Publikum noch stärker beobachten als bei anderen Projekten. Ich muss mich auch „drüber trauen“ bei Themen, wo ich überhaupt keine Idee habe. Ich organisiere mir aber Unterstützung, zum Beispiel von der Astronomischen Gesellschaft, vom Astrofotografen Dietmar Hager, der ein unglaublich guter Ratgeber ist, oder aus der philosophischen Ecke, wo ich mit verschiedenen Experten zumindest einmal im Jahr reflektiere, was aktuell spannende Themen sind. Jetzt suche ich zum Beispiel jemanden zur Unterstützung im technischen Bereich: Was sind Innovationen? Sich auf das Neue einzulassen ist die große Herausforderung. Offen zu sein, neugierig zu bleiben … das ist irre!

Es war ja nicht selbstverständlich, dass der Kepler Salon nach dem Impuls des Kulturhauptstadtjahres mit ähnlichem Schwung weitergeht. Verantwortlich dafür sind wohl verschiedene Faktoren, die wir teilweise schon diskutiert haben: der Ort, das Konzept, das Team, das Engagement des Freundeskreises … Ich habe aber auch das Gefühl, dieser Salon hat einen Nerv in dieser Stadt getroffen. Was hat es vorher nicht gegeben, das in diesem Rahmen bedient wird?

Das ist eine spannende Frage und das ist auch der Grund, warum ich immer noch gerne an dem Projekt weiterarbeite. Ich kann es aber nicht formulieren. Wir haben anscheinend wirklich den Nerv erwischt – mit dem Ort, dem Zeitpunkt und dass wir die richtigen Fragen stellen. Keine Ahnung. Ich habe jetzt von Julius Stieber (Anm.: Kulturdirektor Stadt Linz) gehört: „Konkurrenz belebt den Markt!“. Es haben auch viele andere Häuser versucht, Diskussionsveranstaltungen zu etablieren. Ich glaube, dass unsere Regelmäßigkeit dazu beiträgt und dass mittlerweile akzeptiert wurde, dass der Salon ein Ort des Diskurses in Linz ist – und das hat vielen anderen Häusern gefehlt. Mir sind auch Kooperationen unglaublich wichtig. Wir holen den Diskurs ins Haus herein – wenn er die Qualität hat, die wir uns wünschen.

Was sind die Perspektiven für die nächsten Jahre?

Wir sind als Verein organisiert und wir stehen wie alle Vereine vor der großen Herausforderung der Finanzierung. Das ist das große Thema schlechthin. Sponsoring-Arbeit wird immer wichtiger. Wir hatten 2010 das Glück der Startfinanzierung aus dem Topf von Linz09. Es gäbe noch so viele schöne Formate, die wir so gerne umsetzen würden, wo man noch mehr in die Diskussion reingehen könnte – wo es noch stärker um Bürgerthemen gehen könnte. Aber es ist einfach eine Geldfrage und wir müssen schauen, was wir auftreiben können. Ich würde auch gerne mehr in Richtung Symposien arbeiten. Wir starten jetzt mit Time’s Up am 16. Juni, an dem ein Ganztagssymposium bei uns stattfinden wird. Das freut mich sehr. Ich würde auch gerne noch stärker mit Vermittlungsstrategien experimentieren. Was kann ich anders machen?

Es ist schön, zu sehen, wie gut sich ein Projekt entwickeln kann, wenn man mit Vision und professioneller Haltung an die Sache herangeht.

Ich komme aus der Kunst- und Kulturszene und für mich öffnet sich eine völlig neue Spielwiese mit der Wissensvermittlung im Kepler-Salon. Ich habe erkannt, dass man damit einen Brückenschlag machen kann. Auf einmal rezipieren Menschen das Programm, die nur nach Wissensvermittlung geschaut hätten. Durch unsere Angebote bekommen sie auf einmal einen Kunst- und Kulturkontext mit, von dem sie sonst nichts erfahren hätten. Ich persönlich sitze hier plötzlich auf einem anderen Puls, den ich bei der Ars Electronica oft vermisst hatte, wo ich mir gedacht habe: „He, wir haben so super Projekte hier, aber ich bekomme die Leute nicht hin. Hilfe!“ Deswegen setzen wir stark auf Kooperation.

Website Kepler Salon
Interview mit Iris Mayr auf LT1

Porträt von Zoe Fotografie

 

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