Karen Seiser: „… die Hände wissen selber, was zu tun ist.“

 

Karen Seiser war Bankberaterin, Regionalentwicklerin und politische Öffentlichkeitsarbeiterin. Vor einigen Jahren „klopfte Shiatsu an die Türe“ und sie hat es hereingelassen. Ich wollte von ihren Erfahrungen mit der Behandlungsmethode hören. In ihrer Praxis in der Linzer Rosenauerstraße sprachen wir über Zen, Intuition und Gelegenheiten, “Ja“ zum Leben zu sagen.

Wir haben uns an der Linzer Uni kennengelernt, als du meine Bankberaterin warst …

Ja, das ist schon lange her, Thomas …

Mich interessiert: Wo siehst du die Verbindungslinien von deinem Job als Bankberaterin zu deiner Praxis als Shiatsu-Therapeutin?

Das Verbindende sind die Menschen und die herzliche Berührung der Menschen, denen man begegnet. Auch wenn man miteinander spricht, entsteht Berührung und Resonanz. Vielleicht sitzen wir deshalb nach 12 Jahren wieder beisammen.

Was ist Shiatsu eigentlich?

Shiatsu ist Körperarbeit, deren Wurzeln in der traditionellen chinesischen Medizin, der 5-Elemente-Lehre und den 5 Wandlungsphasen zu finden sind. Ähnlich wie in der Akupunktur arbeite ich mit Meridianen und deren Akupunkturpunkten. Nur mache ich das nicht mit Nadeln, sondern durch gezielte Anwendung von Druck, Rotationen, Dehnungen und vielem mehr. Gleichzeitig arbeite ich auch mit Strukturen – zum Beispiel der Wirbelsäule oder mit Muskeln und Faszien. Wenn ein Mensch zu mir in die Praxis kommt, sehe ich ihn immer ganzheitlich. Das heißt: Wo ist die Schönheit dieses Menschen, wo macht sich ein Ungleichgewicht bemerkbar und auf welchen Ebenen kann ich versuchen, diese Person in Richtung Gleichgewicht zu begleiten?

Du bist gerade in Ausbildung?

Ich habe all meine Kurse im Rahmen meiner 3-jährigen Diplomausbildung bereits absolviert. Jetzt fehlt nur noch die Diplomprüfung. Prinzipiell ist es aber eine lebenslange Ausbildung – du kannst in jedem Augenblick etwas dazulernen. Zudem gibt es viele Möglichkeiten und Richtungen der Weiterbildung.

Du hast während deiner Ausbildungszeit begonnen, Behandlungen anzubieten. Was machst du für Erfahrungen?

Das war in den letzten Jahren ein sehr intensiver Prozess, denn mit jeder Behandlung lerne ich dazu. Dabei komme ich immer wieder an meine Grenzen, wo ich entscheide: Gehe ich weiter? Ist das wirklich meine Grenze? Kann ich mich ein Stück drüber trauen und was passiert dann? Es ist ein spielerisches Ausprobieren – mit Leichtigkeit und ohne Druck. Was ich dabei gelernt habe ist, dass Nichts und Niemand gleich ist. Es gibt eine solche Vielfalt! Man kann keinen Menschen in eine Schublade stecken – jede/r ist einzigartig und individuell. Im Kern hat jeder eine ganz eigene Geschichte. Dabei ist es schön zu beobachten, welche Möglichkeiten für uns alle da sind. Jedes Wesen hat ein solches Potenzial!

So wie ich Shiatsu kennengelernt habe, aktivierst du über deine Berührungen die Selbstheilungskräfte in einem Menschen. Wie erkennst du, was dein Gegenüber im Moment braucht? Wie gehst du da vor?

Es gibt keinen strukturierten Leitfaden. Sicher – es gibt diagnostische Methoden und ich kann mir mit Hilfe derer ein Bild machen. Aber man muss sehr gut aufpassen, dass man nicht beginnt, in eine Art von Beurteilung zu gehen, denn das ist der falsche Weg. Shiatsu ist eine irrsinnig feine Art von Beobachtung und achtsamer Begleitung. Man probiert aus, horcht, lauscht und beobachtet, wie die Person auf den unterschiedlichsten Ebenen reagiert. Wo darf im Moment eine Berührung stattfinden? Welches Potential bietet mir die Person an? Wo staut es sich? Wo ist Raum? Wo darf Raum entstehen? Die Kunst dabei ist, selbst nichts zu wollen. Shiatsu ist Tun im Nichtstun. Das kommt aus dem Zen. Dabei können sehr schöne Sachen entstehen. Man darf beispielsweise beobachten, dass sich etwas löst und genau das in diesem Moment begleiten. Das heißt dann aber nicht, dass ich das persönlich „gemacht“ habe. Es bedeutet, dass gemeinsam etwas entstanden ist.

Das erscheint mir wichtig. Es ist nicht so, dass du jemanden behandelst. Beide tragen gleichwertig bei. Beide haben eine aktive Rolle.

Gleichzeitig aber in einer totalen Passivität. Da bin ich und da ist derjenige, der bei mir zu Gast ist. Es geht nur gemeinsam, ich biete meinem Gast im Moment achtsame Begleitung an.

Die Berührung von Menschen ist eine Konstante in deinem beruflichen Leben. Du hast mehrere interessante berufliche Stationen hinter dir. An welchem Punkt ist Shiatsu in dein Leben getreten? Wann hast du entschieden?: Das ist jetzt meines.

Ich habe immer viel gearbeitet und das macht mir auch Spaß. Aber ich habe gespürt, dass diese Art von Arbeit nicht alles im Leben sein kann. Da muss es noch was anderes geben. Irgendetwas, wo ich meine Intuition, mein Gespür und meine Hände einsetzen kann. Zu diesem Zeitpunkt hat Shiatsu angeklopft, ich habe neugierig die Tür aufgemacht und es ist hereinspaziert und hat einen schönen Platz in meinem Leben eingenommen. Heute möchte ich diese Art von Arbeit nicht mehr missen. Die Arbeit mit dem Körper, mit Menschen.

Was willst du in die Welt bringen, mit dem was du machst?

Ein Stück weit herzliche Begleitung, hin in die Richtung, dass jeder so sein darf, wie er oder wie sie im Wesenskern gedacht ist.

Shiatsu ist ein Beitrag dazu? 

Das bin halt einfach ich. Ich glaube, man kann nichts in die Welt bringen, was man selber nicht lebt. Es gibt viele Möglichkeiten zu leben und jeder muss seine eigene finden. Ich glaube, dass das Schönste ist, wenn man der oder die sein kann, der oder die man ist und sich selbst dafür gern hat.

Wie weiß man, dass man an dem Punkt angelangt ist?

Ich weiß es nicht! (lacht) …  Für mich: wenn es mir gut geht. Seitdem ich nicht mehr das Gefühl habe, dass ich in einem Hamsterrad mitlaufe. Man macht einfach seine Sachen und es ist einem herzlich egal, was die anderen dazu sagen. Vielleicht ist es der Punkt, an dem das eigene Ego vollkommen an Bedeutung verliert.

Halten uns Ängste davon ab, zu diesem Punkt zu gelangen?

Schon, ja … Aber dann kommen Momente, wo auch Angst sich auflöst. So zum Beispiel letztes Jahr, als mein Papa sehr überraschend mit 57 Jahren verstorben ist. Was soll passieren? Oder vielleicht besser ausgedrückt, darf man sich in solchen Situation die Frage zu stellen: Was würde ich jetzt tun, wenn ich keine Angst hätte?  Entweder ich lebe mein Leben, oder das von jemand anderem. Es kann mir nur gut gehen, indem ich das tue, was sich für mein Herz gut anfühlt. Ich bin jeden Tag dankbar, dass ich so leben darf. Es ist für mich nicht selbstverständlich.

Bist du dem Zen-Geist schon begegnet? 

Ich habe letztes Jahr an einer Naikan Woche teilgenommen und mich eine Woche sehr intensiv mit meinen eigenen Themen konfrontiert, gleichzeitig übt man dabei sehr viel Zazen. Am Anfang war es für mich  mühevoll eine halbe Stunde ruhig zu sitzen und an nichts zu denken. Je mehr sich der Widerstand in mir gelöst hat, desto besser habe ich es zulassen können. Das Ergebnis war eines der schönsten Erlebnisse, die ich bisher gehabt habe. Ich habe mich so sicher gefühlt, ich war vollkommen bei mir. Ich habe gewusst: ich bin aufgehoben und hier bin ich richtig. Diesen Moment hole ich mir jetzt oft in mein Shiatsu herein. Ich versuche das auch im Alltag – Zazen zu sitzen, nichts zu tun oder es bei einem Spaziergang mit meinem Pferd zu integrieren. Das erfordert Disziplin, aber es ist es allemal wert.

Wenn du leer bist, hörst du auch auf, zu urteilen. Ich habe auch ein Interesse entwickelt, mich mit meinen eigenen Annahmen und Urteilen zu beschäftigen und möchte in dem Zusammenhang meine Achtsamkeit weiterentwickeln. Es ist spannend, zu erkennen, wie du aus deinen Annahmen deine Wirklichkeit konstruierst. Ich stelle mir gerne die Frage: „Was machen meine Annahmen mit mir?“ und in alltäglichen Situationen – wenn ich jemandem begegne – beobachte ich mich, welche Urteile, Ängste und Annahmen auftauchen. In solchen Moment ist meine Herausforderung, alle Beobachtungen einfach vorbeiziehen zu lassen. 

Die Energie folgt der Aufmerksamkeit. Wenn du glaubst, das ist so und so, dann wird es für dich Realität.

Ich arbeite ja – so wie bei dieser Interviewserie – sehr gerne intuitiv. Jetzt habe ich monatelang nichts gemacht und plötzlich fallen mir die Dinge zu. Da weiß ich dann: mit dem und der und dem möchte ich sprechen und die Interviews passieren dann fast wie von selbst. Es braucht bei mir eine gewisse Leere, damit Neues entstehen kann. 

Was ist eigentlich Intuition?

Ich habe ein Bild davon: Dinge, die aufsteigen. Etwas steigt auf und zeigt sich. In solchen Momenten weiß ich: das ist es! – Und ich erkenne es daran, dass ich mich gut bei dem Anblick fühle. 

Im Shiatsu gibt es einen Punkt in der Behandlung, wo ich das Gefühl habe, dass ich jetzt nicht mehr weiß, wo der eigene Körper aufhört und wo der andere Körper beginnt. Ich bin nicht direkt eins, aber ich bin auch nicht mehr da und auch noch nicht weg – wie kurz vor dem Einschlafen. Raum und Zeit verlieren an Bedeutung, das Ego und der Verstand ziehen sich zurück. Da passieren die spannendsten Sachen; dann ist der Kopf weg und die Hände wissen selber, was zu tun ist.

Danke für das Gespräch und alles Gute!

Sunseitn-Shiatsu Website

 

 

 

 

 

 

Teile diesen Artikel auf

Zurück zur Artikelübersicht