Mit Adjektiven knausern, Nomen hinterfragen!

 

Der PR-Doktor hat das “Jahr der ungewöhnlichen Formulierung” ausgerufen. Nachdem ich ein Anhänger des einfachen Worts bin habe ich mir dazu auch ein paar Gedanken gemacht. Der nachfolgende Brief ist in erster Linie an mich selbst gerichtet, kann aber hoffentlich von jedem für den eigenen Schreiballtag übernommen werden:

Lieber Schreiber,

Worte sind Verstecke. Ich weiß: du versuchst mit deinen Worten zu kaschieren, dass du mir nichts oder nur wenig zu sagen hast. Deine Nomen und Adjektive übernehmen diese Rolle.

Wenn du sagst: „Ich bin ein international anerkannter Experte!“ – dann wird es Menschen geben, die sich beeindruckt zeigen. „Sehr schön, du bist also ein Experte“ – Glück gehabt, deine Leserin vertraut auf ihre positive Assoziation zu dieser Ansammlung von Worten. Möglicherweise taucht in ihrer Erinnerung eine prägende Begegnung mit jemandem auf, den sie in dieser Schublade abgelegt hat.

Doch Vorsicht! Ich fürchte (und hoffe!), dass sich selbst deine oberflächliche Leserschaft durch unreflektiert eingesetztes Vokabular nicht hinter das Licht führen lässt. Ich vermute vielmehr, dass es deine Leserin spürt, wenn du es nicht schaffst, deinen Text inhaltlich zu durchdringen. Deshalb rate ich dir: keep it short and simple. Denn einfach zu schreiben ist nicht Anfangs- sondern Endpunkt der künstlerischen Bemühung.

Wolf Schneider empfiehlt in seinem höchst animierenden Buch „Deutsch für junge Profis“, mit Adjektiven zu knausern. Ich ergänze das gerne mit einem zusätzlichen Rat: „Nimm dir auch die Nomen verstärkt ‚zur Brust’ und frage dich, wovon dieses oder jenes Wort schon wieder ablenken soll.

Also, lieber Schreiber, liebe Schreiberin: raus aus deinem Versteck und schreibe, was du verstehst und wirklich denkst.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Kreiseder

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