Offene Lern-Räume gestalten. Wie geht das? (Teil 2)

 

Open Space am zweiten Tag

Als „Container“ für den Mentoring Circle wird der Open Space ausgewählt. Open Space Technology wurde vom US-Amerikaner Harrison Owen entwickelt und ist Anfang der 90er-Jahre auch in Österreich aufgekommen. Die Methode ist „simple, but not easy“ und wirklich kraftvoll: Open Space ist ein offenes Konferenzformat, bei dem jede/r eingeladen ist, selber Themen einzubringen. Das Programm wird spontan und zu 100% von den TeilnehmerInnen eines Meetings gestaltet. Es gibt also keine hierarchische Unterscheidung zwischen Vortragenden und Zuhörenden. Für den Erfolg ist jede/r mitverantwortlich.

Für das Facilitating Team an diesem Tag, das aus Helmut Friedl und mir besteht, gilt es im ersten Schritt den TeilnehmerInnen die Regeln und die Philosophie des Open Space näher zu bringen.

Open Space hat einige unverrückbare Rahmenbedingungen:

Die vier Prinzipien:

– Wer immer da ist, es sind die Richtigen.
– Wann immer es beginnt, ist der richtige Zeitpunkt.
– Was auch immer passiert, ist das Einzige was passieren konnte.
– Wenn es vorbei ist, ist es vorbei.
– Wenn es nicht vorbei ist, ist es nicht vorbei.

Und am wichtigsten: Das Gesetz der zwei Füße (oder: Gesetz der Mobilität)

Es bedeutet, dass jeder Teilnehmer des Open Space zu jedem Zeitpunkt eingeladen ist, zu überprüfen: Kann ich dort, wo ich mich beteiligte etwas beitragen oder etwas lernen? Wenn das nicht der Fall ist, ist der Teilnehmer eingeladen, die Gruppe „durch seine Abwesenheit zu ehren“.

In einer Open Space-Veranstaltung werden auch Verhaltensweisen gefördert, die in anderen Zusammenhängen weniger erwünscht sind: Menschen, die öfters die Gruppen wechseln, weil sie nach kurzer Zeit erfahren, dass sie wo nicht richtig sind und so aber auch Erkenntnisse von Gruppe zu Gruppe tragen können (sogenannte „Hummeln“). Menschen, die sich ganz abseits der thematischen Gruppen bewegen, weil sie vielleicht am Buffet ein Gespräch führen oder das Geschehen lieber aus der Entfernung beobachten (sogenannte „Schmetterlinge“).

Insgesamt eine außergewöhnliche Haltung, die die Kraft der Selbstorganisation als wesentlich für Entwicklung wertschätzt. Als zentrale Elemente der Selbstorganisation gelten Freiheit, Leidenschaft und Verantwortung und sie werden im Open Space besonders gefördert. So zu arbeiten, schafft Voraussetzungen, sowohl auf der strukturellen als auch auf der inhaltlichen Ebene Großartiges, Unerwartetes geschehen zu lassen. Ich meine: mit einer solchen Haltung regt man Gruppen und Organisationen an, ihr volles Potential an Selbstorganisation zur Geltung zu bringen.

Zum Start des Open Space um 9 Uhr sitzen die TeilnehmerInnen im Kreis. Der Kreis ist wichtig und er ist die beste Form, um Kommunikation zu ermöglichen und anzuregen. An den Facilitators liegt es nun, diesen Kreis mit Energie zu versorgen und zum „Atmen“ zu bringen. Normalerweise geschieht das, indem man als Facilitator den Kreis abschreitet, den Menschen in die Augen blickt und sie auffordert, in die Runde zu blicken und sich über das versammelte Know-How und Wissen bewusst zu werden. (Anm.: Wir haben das in Salzburg verabsäumt und mussten uns später eingestehen, dass dadurch ein zentraler Teil fehlte.)

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Zum Auftakt des Open Space werden die Rahmenbedingungen vermittelt 

Marktplatz der Themen

Nachdem die Rahmenbedingungen erklärt wurden ist der Zeitpunkt gekommen, die TeilnehmerInnen einzuladen, ihre Themen einzubringen. Vorgeschlagene Themen werden auf vorbereiteten Zetteln notiert und an ein Programm-Board gepinnt. Die Programmzusammenstellung erfolgt ohne Beteiligung des Facilitators. Hintergrund ist, der Selbstorganisation der Teilnehmenden so möglichst freien Lauf zu lassen. Die Programmzusammenstellung dauert 30 bis 45 Minuten. In Salzburg waren am Ende 12 Beiträge in 3 Zeitfenstern zu je 60 Minuten. Nachdem das Programm fertiggestellt ist kann der Open Space nach einigen letzten organisatorischen Details beginnen. In der Phase der Themenkreise bringt sich der Facilitator nicht ein und vertraut auf die Selbstorganisation der Gruppe(n).

D90_18403cGespräche in mehreren Open Space-Kleingruppen

Galerie

Nach Ende der drei einstündigen Sessions, die in mehreren Gruppen parallel stattfanden treffen sich alle Open Space-TeilnehmerInnen zum vereinbarten Zeitpunkt am Nachmittag wieder und präsentieren die Ergebnisse aus ihren Sessions mittels eigens produzierten Ergebnis-Flipcharts. Sie werden in Form einer Galerie präsentiert. So hat jeder Teilnehmende die Möglichkeit, sich einen Überblick zu verschaffen. Auch zu Sessions, an denen er oder sie nicht teilgenommen hat.

Im kollektiven Kreis bekommen alle die Möglichkeit gemeinsame Schlussfolgerungen, Erkenntnisse oder Einladungen zur Weiterarbeit in die Gruppe zu tragen. Dies ist ein wichtiger Moment der Konvergenz, wo sich das Gesamtthema der Veranstaltung zeigt.

Schlusskreis

Der abschließende Schlusskreis bietet allen TeilnehmerInnen die Möglichkeit, die eineinhalb Tage zu reflektieren, sich zu bedanken und sonstige Erkenntnisse zu teilen.

Resümee

Der Open Space ist geeignet für größere Gruppen – Organisationen, Firmen, Netzwerke … – , die sich mit einer komplexen Thematik auseinandersetzen, zu der es viele Lösungswege und viel Gesprächsbedarf gibt. Die Ergebnisse können Grundlage für konkrete Aktivitäten, für das Weiterarbeiten in Gruppen und Teams oder einfach Inspiration sein. Auch wichtig: Rechne mit Überraschungen!

 

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