Peter Grubmüller: Gute PR erleichtert Journalismus, aber verhindert ihn nicht

 

Am 6. und 7. Dezember leite ich für die Kulturplattform OÖ das Seminar „Das Medienklavier – PR-Training für Medien- und KulturarbeiterInnen“ in Linz. Für den zweiten Workshoptag habe ich den OÖ Nachrichten Kulturjournalisten Peter Grubmüller eingeladen, um aus dem Alltag einer Redaktion zu berichten. Wir haben uns vorab getroffen, um über den Stellenwert von Kultur, die oberösterreichische Kulturszene, gute PR-Arbeit und die Herausforderungen der Digitalisierung zu sprechen.

Welchen Stellenwert hat der Kulturteil in einer Tageszeitung wie den OÖ Nachrichten?

Die OÖ Nachrichten haben den Kulturteil zweifelsfrei aufgewertet. Jahrzehntelang war er irgendwo versteckt. 2010 – leider ein Jahr zu spät für die Kulturhauptstadt – haben wir ein eigenes Buch mit eigenem Cover in der Zeitung bekommen. Das führt dazu, dass die Aufmerksamkeit für den Leser gesteigert wird. Zum anderen wird auch hausintern eine größere Wertschätzung für Kultur sichtbar. Nicht nur, dass wir ein eigenes Buch sind, sondern auch, dass wir die Seitenzahl aufgestockt haben. Inhaltlich wurden wir mit dem Leben-Ressort zusammengelegt, in dem Society-Themen, Lust und Liebe, Klatsch und Tratsch vermischt werden.

Man muss sich in der Kultur bewusst sein, dass man nie der große Quoten-Bringer sein wird. Die räumliche und inhaltliche Zusammenführung mit dem Leben-Ressort in den OÖN hat zum Ziel, der Kultur mehr Publikum zuzuspielen – und umgekehrt. Das funktioniert sehr gut. Das Kuriose dabei ist, dass die Puristen beider Lager das Vorhandensein der jeweils anderen Seite stört. Wenn ich jetzt ein Kunst-Purist bin, dann interessieren mich Brad Pitt und Angelina Jolie nicht. Umgekehrt ist es so, dass Klatsch und Tratsch-Interessierte kein Interesse an einer epischen Ausbreitung über Olafur Eliasson haben. Die hoffnungsfrohere Theorie ist, dass sie irgendwann lernen, etwas miteinander anzufangen.

Wie setzt ihr die Schwerpunkte in der Redaktion?

In der Tageszeitung sind wir natürlich sehr termingetrieben. Wenn so wie in diesen Tagen Franz Welser-Möst sein erstes Dirigat im Musiktheater hat ist das natürlich ein Thema. Nachdem das Musiktheater ohnedies im Fokus ist, wird die Story noch dadurch aufgewertet, dass der Generalmusikdirektor der Staatsoper da ist und der noch dazu Oberösterreicher ist. Welser-Möst zu befragen, wie es um die Akustik des Musiktheaters bestellt ist, nachdem diese in unterschiedlichen internationalen Medien fürchterlich „geprügelt“ wurde, ist legitim und solides journalistisches Arbeiten. Uns ist wichtig, keinen reinen Ankündigungsjournalismus zu machen und Geschichten auch für Leute spannend zu machen, die aufgrund verschiedener Umstände nicht die Möglichkeit haben, eine Veranstaltung zu besuchen.

Wie siehst du deinen eigenen Auftrag als Kulturjournalist? Mit welcher Haltung gehst du an die Sachen heran?

Zunächst einmal sollte man institutionalisierter Kultur gegenüber misstrauisch sein. Nachdem dort Steuergeld verwendet wird, gibt es nach meinem Dafürhalten eine Rechtfertigungspflicht. Man muss genau hinschauen, was dort passiert.

Ich versuche auch, Menschen mit Themen vertraut zu machen, die sie innerhalb ihrer Erlebniswelt normalerweise nicht erfahren würden. Du bist als Journalist auch eine Art Trödler mit einem Bauchladen. Du hast ein gewisses Sortiment, das du auch verkaufen willst.  Das hat sowohl eine inhaltliche als auch eine stilistische Komponente. Inhaltlich zu überzeugen und nicht zu überreden ist ein wichtiger Aspekt der Arbeit. Als großes Prinzip gilt, kulturelle Initiative zu ermöglichen und nicht absichtlich kaputt zu schweigen.

Etwas ganz Schlechtes in unserem Job sind Vorurteile. Deshalb lautet meine Devise: Neues Spiel, neues Glück! – Wenn also am Landestheater ein Schauspieler bei einer Produktion ganz schlecht war bekommt er von mir bei der nächsten Produktion selbstverständlich wieder die Chance, sich zu beweisen.

Welche Tendenzen siehst du in Oberösterreich in der Kulturszene und was findest du spannend an der Entwicklung?

Die Gefahr ist, dass sich der gesamte Kulturbetrieb in die Institutionalisierung verabschiedet; dass nur mehr als Kultur auftreten darf, was von der öffentlichen Hand als Kultur genehmigt wird. Die Gefahr besteht alleine schon durch die Bindung der Mittel. Vom Landes- und Stadtbudget sind ein großer Teil der Subventionen an die Erhaltung der Institutionen gebunden. So können sich daneben kaum mehr Triebe entfalten.

Aber ich frage mich auch: Wo sind diese Triebe? Gibt es sie tatsächlich? Die sogenannte freie Szene ist ja auch nur solange frei, solange sie keinen Auftrag hat. Womit speist sich die freie Szene? Häufig mit dem Geld der öffentlichen Hand. Ab dem Moment hat sie für mich den Anspruch auf eine freie Szene verloren. Einige bemerkenswerte Beispiele spannender freier Kunst und Kultur gibt es für mich im Bundesland – sie sind aber an einer oder an zwei Händen abzuzählen. „Time’s Up“ ist ein kolossales Beispiel von tollen Künstlern, die einfach ihr Ding machen. Die haben das Potenzial, es beispielsweise zur Biennale nach Venedig zu schaffen und kommen trotzdem nicht dauernd und beschweren sich, weil sie da oder dort keine Förderung bekommen. Die machen in erster Linie ihr Ding und das machen sie hervorragend. Insofern sind sie medial fast unterbelichtet und da müssen wir uns als Journalisten wohl selbst „am Krawattl“ nehmen. Das hat wohl auch mit deren entzückendem Wesen zu tun. Wenn sie irgendwo auftreten stellen sie sich nicht auf die Zehenspitzen und sagen: Hallo, wir sind auch da!

Ich glaube  auch, dass sich die Szene heute räumlich nicht mehr so bündeln lässt wie früher. Wenn heute auf der Kunstuniversität jemand gut ist, dann ist das morgen über das Netz in alle Winde getragen. Diese Menschen haben heute ganz andere Chancen als damals. Wenn ich mir zum Beispiel Markus Schinwald ansehe: Der hat in Linz studiert und vor einigen Jahren den österreichischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielt. Vor 20 Jahren hätte er seine Installationen wohl im Linzer Donaupark aufgestellt und alle hätten gesagt: „Das ist aber ein ganz Wilder!“ – Vielleicht muss man sich etwas verabschieden vom Regional-Dünkel.

Ich möchte einen Schwenk machen zur PR-Arbeit. Es ist zu beobachten, dass immer mehr Mittel für die Public Relations da sind und zunehmend weniger für den Journalismus. Wie einfach ist es für dich als Journalisten, angesichts einer PR-Flut Informationen zu selektieren und damit zu arbeiten? Ist es überhaupt noch möglich?

Es muss möglich sein, weil sich auch aus den Geschichten hinter diesen PR-Meldungen Zeitungen gestalten müssen. Der akademische Betrieb produziert in Österreich unheimlich viele Journalisten. Viele finden in den Medien keinen Jobs und gehen in die PR. Das Problem ist, dass sehr viele PR-Leute vorher nie Journalisten waren. Sie wissen also nicht, wo man die Journalisten abholt. Jetzt schreibt jeder seine Aussendungen so, wie er es auf den Lehrgängen gelernt hat. Ich bekomme täglich ca. 200 E-Mails – vom Bauhaus Dessau bis zur slowenischen Volkstanzgruppe. Alle haben ihre Berechtigung. Ein E-Mail zu schicken ist aber zu wenig. Du musst nachrufen, Zusatzangebote haben. Du musst unbedingt Bildmaterial zur Verfügung stellen, denn wie bewirbt sich eine Geschichte? Der Konsumablauf des Lesers ist Bild – Bildtext – Titel – Text. Was im Text steht kommt also zum Schluss. Wenn ich als Journalist also eine Geschichte mit einem guten Bild bekommen – hurra!

Der PR-Berater kann wahnsinnig nützlich sein im Herstellen von Kontakten. Nur muss der PR-Berater auch wissen, wann der Moment ist, wo er sich verabschieden muss. Es soll nicht so sein wie mitunter in der Politik, wo du mit der Ansprechperson gar nicht mehr in Kontakt kommst. Das ist letztendlich Zensur. Ein gutes Beispiel ist ein Interview, das ich anlässlich einer Theater Hausruck-Produktion mit Claudia Schmied geführt habe. Damals war Nikolaus Pelinka ihr PR-Berater. Nach dem Gespräch sagt er zu mir, dass er das Interview gerne noch „autorisieren“ würde. Ich schicke ihm den Artikel und bekomme ein komplett anderes Gespräch zurück. Weder die Fragen habe ich je gestellt noch die Antworten hat sie je gegeben. Der hat ihr das eigene Interview umgeschrieben und an diesem Punkt wird Journalismus bizarr! Hätte er mir sein Vorgehen vorher offengelegt, hätte ich mir einfach das Theaterstück angesehen und meine Zeit nicht mit dem Interview verplempert.

Was macht gute PR-Arbeit aus?

Dass sie genauso wie der Journalismus wachsam ist, das Eigene nicht über Gebühr überhöht und den eigenen Horizont des Wesens ihrer Veranstaltung erkennt. Dass sie aber auch so daherkommt, als sei sie nicht nur erledigt, sondern auch mit einer Überzeugung ausgestattet.

Prinzipiell muss das Ansinnen des PR-Beraters sein, die Arbeit des Journalisten zu erleichtern aber nicht zu Verhindern. Genauso wie wir uns bemühen Ermöglicher zu sein für die Konsumenten muss auch der PR-Berater ermöglichen. Eine wichtige Voraussetzung ist sicher, die zuständigen Leute in den Redaktionen zu kennen. Es macht Sinn, in die Redaktionen zu gehen und die Leute kennenzulernen.

Ein Thema, das mich noch interessieren würde – aber das ist wieder ein neues Fass, das man aufmacht – das wäre die Digitalisierung.

Wir stehen im Internet vor der Frage: Machen wir Inhalte, die bezahlt werden sollen? Machen wir Inhalte, die für alle frei sind? Ich glaube, dass Inhalte im Internet auch etwas kosten sollen. Die Arbeit der Journalisten muss eine Wertschätzung erfahren und die ist nunmal in erster Linie finanzieller Natur.

Auch muss sich eine Zeitung oder ein Medium heute seine speziellen Talente herausarbeiten. Das wäre bei den OÖ Nachrichten zweifelsohne die regionale Kompetenz. Die muss etwas wert sein und das muss auch etwas kosten. Es gibt kein Medium, dass das in dieser Breite leisten kann und wenn ich als jemand, der in Gmunden lebt, wissen möchte, was in meiner Umgebung passiert, dann muss es mir wert sein, dass ich im Monat, Hausnummer 15€ bezahle, um das zu erfahren. Insgesamt weiß die ganze Branche noch nicht, wie sie damit umgehen soll. In Amerika, wo immer zu sehen ist, was in fünf bis zehn Jahren zu uns kommt haben viele Zeitungen zusperren müssen. Derzeit ist aber zu beobachten, dass das Gegenteil wieder der Fall ist und die ganzen kleinen Zeitungen wieder anfangen.

Danke für das interessante Gespräch.

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