Roland Laimer: maximal minimal

 

Roland Laimer ist ein außergewöhnlicher Performer, der als Person mit seiner Kunst aber nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Er sagt: “Es ist ein Kreuz mit dem Minimalismus!” und darüber möchte ich mich mit ihm unterhalten, als ich ihn Mitte Jänner in seiner Linzer Wohnung zum Gespräch treffe. In spartanisch-stilvollem Ambiente packe ich an seinem Esstisch aus den 50ern mein Smartphone aus, das als Aufnahmegerät fungiert und mir zu einem fließenden Einstieg ins Gespräch verhilft …

Du stehst der Nutzung von neuen Technologien wie den Smartphones ja eher skeptisch gegenüber – aus einem speziellen Grund?

Es gibt viele Gründe dafür. Aber ich weiß nicht, ob sie nicht teilweise in Richtung Paranoia gehen. Alles hat natürlich Vor- und Nachteile, aber ich versuche generell, dass ich mich so weit wie möglich aus dem System heraushalte. Das geht zwar nicht immer, aber doch auch sehr oft. Sachen, die mich als Person in irgendeiner Weise öffentlich ausstellen, vermeide ich so gut es geht. Das Internet nutze ich schon und ich habe auch ein Festnetztelefon. Da bin ich aber nur dann erreichbar, wenn ich auch erreichbar sein will – also wenn ich zuhause bin.

Ist das minimalistisch?

Wenn ich so wenig wie möglich an etwas beteiligt bin, ist das für mich minimalistisch. Der Versuch, minimal in diesem System zu leben, ist das, woran ich arbeite.

Was bedeutet Minimalismus für dich eigentlich?

Das ist extrem schwierig zu definieren. Auf der einen Seite soll alles perfekt sein, auf der anderen Seite mit so wenig Aufwand verbunden wie nur möglich. Das widerspricht sich immer. Deshalb wird man dem Anspruch, perfekt-minimal zu sein, niemals gerecht.

Diesen Punkt kann man also überhaupt nicht erreichen?

Durch Zufall. Du gehst beispielsweise auf den Flohmarkt und siehst etwas. Weil es dir gefällt kaufst du es und nachher kommst du drauf, dass es eine Million Euro Wert ist. Wenn du einen Gegenstand, der optimal ist von der Verarbeitung, von der Qualität und vom Design; der absolut praktikabel, ästhetisch optimal und billig ist; du nicht viel Zeit aufwendest, wenn du ihn kaufst und du dich vorher nicht damit beschäftigt hast, was das für ein Gegenstand ist; wenn du ihn dann ein Leben lang hast, er dir auch Freude macht: dann kann man das als minimal bezeichnen – zumindest annähernd.

Ist das für dich eine Lebensaufgabe? Auf der Suche nach dem perfekten Produkt und der perfekten Art zu leben? Es ist ja auch ein sehr hoher Anspruch, den du dir selbst und den Dingen gegenüber an den Tag legst.

Oh ja!

Ist dein Minimalismus etwas, das du über alle Lebensbereiche legst oder gibt es auch Ausnahmen?

Ich versuche es. Doch es ist kläglich zum Scheitern verurteilt. Das Problem ist, dass ich mich selber ständig hinterfrage. Ob dieser Minimalismus jetzt wirklich erstrebenswert ist oder ob es nicht gescheiter wäre, alles hinter mir zu lassen und nur zu schauen, dass es mir gut geht. Gleichzeitig kann ich nicht anders. Es ist in mir drinnen, dass ich trotzdem immer wieder drauf komme: Halt! Ich möchte es. Im nächsten Moment denke ich aber vielleicht schon wieder: Nein, ich will das alles nicht. Ich möchte Ruhe haben und ein 08/15-Leben führen – ein gemütliches Leben, wo ich nicht ständig alles hinterfragen muss.

In den Medien ist das Thema Nachhaltigkeit Dauerbrenner. Diskussionen über alternative Lebensführungen, bei denen eine Reduktion, Vereinfachung oder Verlangsamung im Mittelpunkt stehen, findet man zunehmend nicht mehr nur in Fachmagazinen. Findest du dich in diesem Diskurs wieder?

Erstens glaube ich, dass ich ein Kind unserer Zeit bin. Ich kann da gar nicht aus. Natürlich ist für mich das furchtbare Wort Nachhaltigkeit auch ein Thema. Ein Produkt ist dann perfekt, wenn es auch 100 Prozent nachhaltig ist. Wahrscheinlich gibt es das aber nicht und man wird es auch nicht erreichen können. Aber wenn man 80 oder 90 Prozent erreicht ist es ja auch schon wieder okay. Dann ist die Frage: Wie definierst du Nachhaltigkeit? Wie weit geht das? Reicht es, wenn es eine Generation hält, oder 2 oder 3 oder 4 oder 100? Solche Fragen machen einen Teil meiner Überlegungen aus. Bei mir geht’s aber um viel mehr.

Du beschäftigst dich nicht nur durch dein Kunststudium, das du im Vorjahr abgeschlossen hast, seit längerer Zeit mit Design und Gestaltung.

Für mich ist es wahnsinnig schwierig, dass ich jemandem meinen Ansatz dazu erkläre.

Ich denke bei Design geht es stark darum, dass du Sachen ausprobierst. Je öfter du etwas in der Hand hast oder benutzt, desto eher kommst du drauf, ob es der Wahnsinn ist oder nicht. Dann kristallisieren sich gewisse Produkte heraus, bei denen ich sage: die sind wirklich super. Es gibt aber auch Designklassiker, die absolut nicht funktionieren. Die sind nur was geworden, weil sie optisch schön sind.

Perfektes Design muss auch funktionieren.

Das impliziert der Begriff Design – Form und Funktion! In den letzten Jahr(zehnt)en ist der Designbegriff leider so was von verkommen, dass es ganz aus ist. Es wird alles Mögliche als Designerprodukt verkauft und in Wirklichkeit ist es absoluter …

… Schrott?

Ja. Nur hätte ich noch ein wilderes Wort verwendet.

Hier in deiner Wohnung umgibst du dich mit Design. Deine Möbel hast du wohl nicht zufällig ausgewählt.

Da steckt viel Arbeit dahinter. Ich schaue halt, dass ich – das ist wieder etwas, was wunderbar in unsere Zeit passt – „Schnäppchen mache“ (lacht). Ich verbringe relativ viel Zeit damit, dass ich im Internet, in Geschäften und auf Flohmärkten stöbere. Naja, in Flohmärkten noch zu wenig – da bin ich zu faul zum Aufstehen in der Früh. Alle Sachen in meiner Wohnung sind Second Hand. Ich habe sie teilweise ganz skurril erstanden. Manche Sachen habe ich aus Containern gezerrt. Den Fernseher zum Beispiel habe ich aus einer Wohnung mitgenommen, wo ich zufällig zu einer Wohnungsführung eingeladen wurde, weil ich vor der offenen Tür gestanden bin und begeistert war vom Vorraum. Das Regal hier habe ich mit einer Freundin in Wien aus einem modrigen Keller gekauft und dann haben wir es von dort zu Fuß in ihre Wohnung getragen. Ich wäre fast gestorben, weil es so schwer war. Einige Zeit später hat mir ihr Bruder das Regal nach Strobl gefahren. Dort musste ich das Regal putzen, weil es so vergammelt war. Danach habe ich es mit dem Rucksack von Strobl nach Linz transportiert. Das Teil ist aber ungefähr so schwer wie ich …

Ist für den Minimalisten die Welt zu unübersichtlich?

Sie ist auf jeden Fall nicht schön genug. An jedem Tag, an dem ich durch die Stadt gehe, verändere ich ständig die Welt. Warum ist dieses und jenes Haus so konstruiert und nicht ganz anders? Es gibt zwar schon Plätze, die gut sind aber es gibt Plätze, die sind der Horror! Ich versuche in meinem Kopf immer, Orte zu erfinden, die nur gut sind. Das ist natürlich zum Scheitern verurteilt.

Fallen dir Plätze in Linz ein, die du schön findest?

Als Ganzes? … Naja, die Tabakfabrik ist super. Das ist jetzt natürlich ein aufgelegter Klassiker. Wobei, selbst da gibt es was, wo ich mir denke … also, zum Beispiel die Uhr vorne am Gebäude – die riesengroße. Da merkt man, dass sie nicht vom Peter Behrens ist sondern von einem anderen gestaltet wurde. Die Uhr ist für mich zu groß geraten und zu sehr nach oben hin hinein „gegatscht“. Sie passt ästhetisch dort nicht hin. Es ist natürlich ein geringes Übel. Aber trotzdem: wenn die Uhr noch anders wäre, wäre das ganze Gebäude noch mal stimmiger.

Hast du Beispiele für perfekt minimalistisches Design oder minimalistische Kunst?

Kunst muss nicht den Anspruch des Minimalen haben. Beim Design gibt es schon Entwürfe, die in die Richtung gehen. Aber ich finde immer etwas, wo ich mir denke, das müsste doch so und nicht so sein … Aber es gibt sowieso nichts Perfektes. Im Moment stehe ich zum Beispiel auf etwas das eigentlich gar nicht minimal aber trotzdem kongenial ist.

Worum handelt es sich dabei?

Um die Lampe „PILEO“ von Gae Aulenti. Ich bin gerade auf dem Trip, dass ich gerne eine Space-Age-Wohnung hätte, die aussieht wie ein Ufo. Keine Ahnung warum. Naja, wahrscheinlich, weil ich „Barbarella“ gesehen habe. Als ich mich intensiv mit Mode beschäftigte, habe ich mich von den bekannten großen Designern wie Calvin Klein oder Armani immer mehr in Richtung belgische oder japanische Avantgarde entwickelt und nur mehr Kleidung von unbekannteren Designern gekauft, die eben progressivere Entwürfe machten. Bei Möbeln ist es jetzt auch schon so, dass ich versuche, Entwürfe zu kaufen, die nicht einfach sondern grenzwertig sind und anecken – in dem Sinne auch gut zu mir passen. Gleichzeitig sollen sie aber auch total gemütlich sein, weil ich ja nicht in einer Wohnung leben möchte, die ungemütlich ist. Sie müssen also komfortabel sein und gleichzeitig herausfordernd in der Optik.

Wäre es für dich ein Problem gewesen, wenn ich meinen Mantel zum Anfang des Gesprächs auf deiner Couch abgelegt hätte?

Für die Dauer dieses Gesprächs nicht (lacht). Aber es stimmt schon. Auf Dauer stört es meinen Kopf, wenn viel herumliegt. Das geht gar nicht. Doch ich nehme mir immer wieder mal vor, alles zuzumüllen. Ich muss mir ja die Frage stellen, warum das so ist. Ist das eine Kompensation für etwas anderes, das mir fehlt? Ist das Andere das, was das Wirkliche ist? Die Frage ist, ob es so etwas gibt. Die beantwortet jedes Individuum unterschiedlich. Ist es das Ziel eines Menschen, dass er heiratet und zwei Kinder kriegt, oder zehn, oder fünfzehn oder gar keine? Oder ein Leben lang alleine und nur für die Menschheit lebt, sein Leben aufopfert indem er Waisenhäuser in Afrika baut? Ich weiß es nicht. Dementsprechend gibt es mehrere Wahrheiten und meine funktioniert halt so. Ob ich damit etwas kompensiere oder nicht, naja … Solange das für einen selber okay ist und solange man niemand anderen damit schadet – das ist ja das Wichtige. Ab wann schade ich jemandem? Wenn ich einen Computer kaufe, schade ich sicher jemandem. Einem anderen helfe ich aber damit. Wo sagt man ja und wo nein? Wo verlaufen die Grenzen?

Du bist auch als Performer und Musiker tätig. Wie versuchst du da, minimal zu agieren?

Ich beschäftige mich viel mit der Musikgeschichte. Wir leben heute in einer Zeit, wo nichts großartig Neues passiert und oft nur „aufgewärmt“ wird. Ob das seit der Post- oder der Post-Postmoderne so ist, weiß ich nicht. Ob das heute tatsächlich so ist oder ob es schon immer so war, da gehen die Meinungen auseinander. Der bestmögliche Zugang für mich ist, dass ich Musik mache, die im Moment entsteht – also improvisiert ist. Oder vielleicht nicht improvisiert, sondern gejammt. Du stellst dich einfach hin und machst, was im Moment da ist. Das ist für mich minimal. Ohne Vorbereitung.

Du sagst auch, dass du dich nicht als Musiker bezeichnen möchtest.

Ich würde mich nie als Musiker bezeichnen, weil ich absolut keine Ahnung von einer Musiktheorie habe und das ist für mich einfach Teil des Musikerberufs. Ich kann ja auch kein Instrument und spiele trotzdem alles Mögliche. Was ich dabei mache ist minimal, weil es irgendein Geklimpere ist. Ich spiele auf einer Saite oder zwei Töne am Klavier und meistens funktioniert das. Es reicht und passt in mein Konzept.

Das andere ist, dass ich meine wahre Identität nicht mit der Musik, die ich mache, in Verbindung sehen möchte. Wenn ich also ein Konzert spiele, bin ich verkleidet. Weil ich finde, dass die Persönlichkeit oder die Person als solches nicht wichtig ist für das, was beim Auftritt passiert. Zusätzlich bringt man durch eine Verkleidung eine andere Ebene in das Ganze, die in der Lage ist, die Musik zu transformieren. Masken lösen beim Menschen immer etwas aus. Wenn du auf eine verkleidete Person etwas projizierst und dann macht diese Person etwas ganz Gegenläufiges, bringt dich das vielleicht irgendwo hin, wo du nicht mehr weißt: Was ist jetzt eigentlich los? – du hast also gemischte Gefühle.

Hast du dich irgendwann bewusst dafür entschieden, minimal zu agieren?

Ich kann es nicht genau festmachen. Ich weiß nur, dass es in den letzten Jahren stärker geworden ist, so dass es konkret geworden ist. Ich habe auch als Teenager schon immer etwas gesucht. Anders sein, versuchen, etwas zu bewegen, auffallen … Das alles ist als Teenager normal, doch ich habe immer schon relativ genau gewusst, was ich möchte. Ich habe klare Grenzen gesetzt. Wenn ich beispielsweise etwas kaufen wollte, dann habe ich ewig lange gespart und ich wusste: wenn das sein muss, dann muss es sein. Dann hat es in dieser Zeit eben auch nichts anderes gegeben. Dafür hast du nach einem Jahr oder nach zwei Jahren das absolut super Teil gehabt. Die Sachen, die ich mir kaufe, schätze ich dann auch sehr. Weil man auch lange plant und gut überlegt: Was muss sein? Denn ich kaufe nur, was unbedingt sein muss – natürlich unter Anführungsstrichen. Weil da kann man auch wieder sagen: als Minimalist braucht man doch gar nichts! Aber ich möchte kein Einsiedler sein. Ich versuche, in dieser Gesellschaft zu leben, aber halt möglichst am Rand – ohne dass ich darunter leide. Das ist eine Gratwanderung, bei der ich noch nicht 100% trittfest bin.

Anmerkung: Nachdem Roland Laimer mit seinen musikalisch-performativen Projekten nicht in Verbindung gebracht werden will gibt es an dieser Stelle auch keine Hinweise, Weblinks etc. Sie können nur eines machen: In Linz, Wien, Salzburg … Ausschau halten.

PS: Falls jemand Designgegenstände zu verschenken/verleihen/verkaufen hat, bitte bei Roland melden. Er würde gern ein Designmuseum aufmachen. – Mail

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