Sabri Opak: „Alles was anders und unbekannt ist – dort will ich hin.“

 

Sabri Opak ist Aktivist und Mitarbeiter bei MigrantInnen-Initiativen und Mitgründer von Gemeinschaftsgärten und der Lebensmittelkooperative „Franck Kistl“ in Linz. Er kam vor über 10 Jahren als Flüchtling von Anatolien nach Österreich. Als Anfang September der Sommer in den letzten Zügen lag habe ich mich mit ihm am Brunnenplatz im Franckviertel über würdevolle Begegnung, den Wert kultureller Vielfalt und sein Engagement in der Friedensbewegung unterhalten.

Schön, dass wir heute bei diesem wunderbaren Wetter am Brunnenplatz sitzen können. Hier, wo ja auch die Lebensmittelkooperative „Franck Kistl“ zuhause ist. Du bist als Mitgründer maßgeblich daran beteiligt. Was hat eure Initiative im Franckviertel bisher bewirkt?

Dieser Platz hat mich von Anfang an begeistert, denn hier findet sehr viel Leben statt. Was wir mit dem „Franck Kistl“ bewegen ist die Vielfalt – eine Vielfalt an Menschen und eine Vielfalt an Nahrungsmitteln. Unsere Mitglieder treffen sich an diesem Platz, hier bei den Bäumen und am Brunnen, und verbringen hier viel Zeit. Die Entwicklung gibt mir Hoffnung, dass interessante Synergien entstehen, die den Stadtteil und die Menschen bereichern.

Welche Synergien hast du im Kopf?

Vom kosmopolitischen Aspekt her finde ich interessant, dass die Begegnung mit einer Vielfalt an Sprachen, Charakteren, Ideen und Perspektiven die einzelnen Menschen und die Gesellschaft bereichern. Jeder kommt mit seinem eigenen Verhalten und Qualitäten hierher und jeder kann von dem anderen lernen und sich weiterentwickeln. Darüber hinaus ist das hier ein Vernetzungsort. Die Menschen kommen, sie bestellen ihre Lebensmittel und holen sie hier ab. Dabei lernen sie sich kennen und tauschen sich aus. Man erfährt, wenn jemand Hilfe benötigt und die gegenseitige Unterstützung funktioniert sehr gut – ganz ohne Bürokratie. Die Kooperative ist auch ein Instrument, sowohl Menschen mit vielen als auch mit wenigen Deutschkenntnissen anzusprechen.

Das alles gelingt euch?

Ja. Wir erreichen eine Vielfalt von Menschen von alt bis jung; Menschen, die im Dialekt sprechen und Menschen, die ganz wenig Deutsch sprechen. Wenn wir hier an diesem runden Tisch unter dem Baum sitzen stehen wir vor der Frage: Wie kommunizieren wir jetzt miteinander? – Hier finden hochinteressante Begegnungen statt!

Du selber wohnst auch hier in der Nachbarschaft?

Zwei Straßen weiter vom Brunnenplatz. Seit 3 Jahren bin ich Franckviertler!

Was ist deine Rolle in der Lebensmittelkooperative?

Das ist schwierig zu definieren. Meine Rolle ist, die Gemeinschaft dort zu unterstützen, wo ich gebraucht werde. Das kann Ideen entwickeln sein; das kann Öffentlichkeitsarbeit sein; das kann Zusammenkehren sein; das kann Abwaschen sein; das kann Gastfreundschaft sein.

Begegnung lautet ein Begriff, der in Gesprächen mit dir immer wieder auftaucht. Du bist auch Obmann des Vereins für Begegnung – Arcobaleno. Woher kommt dein großes Interesse für das Thema?

Höchstwahrscheinlich ist das die Sehnsucht nach dem Unbekannten; eine Sehnsucht nach Andersartigkeit. Das begeistert mich immer wieder und mit dieser Sehnsucht bin ich von Anatolien ins Franckviertel gekommen. Hier war alles anders für mich: von der Sprache, der Tradition, den Denkweisen, dem Einkaufsverhalten … Ich spüre, dass die Begegnungen, die ich in Oberösterreich und in anderen Städten gemacht habe, in meinem tiefsten Inneren Spuren hinterlassen haben. Ich habe beobachtet, dass sich Menschen durch Begegnungen gegenseitig wunderbar bereichern können. Es entstehen Ideen, Freundschaften, Liebe … Daher hat Begegnung für mich nur Vorteile.

Wenn sich Verschiedenes begegnet eröffnet sich das Potential für Neues.

Begegnung kann alles sein. Begegnung mit einem Menschen, mit unbekannter Natur, mit der Donaulände, mit einer Stadt, mit einer Idee, mit Religion … Alles was anders und unbekannt ist – dort will ich hin; und der Weg führt über Begegnungen. Es ist eigentlich ein sehr mutiger Weg; dieser Weg des Unbekannten. Mit dem Schlüssel Begegnung können wir sehr viele Türen und Tore öffnen!

Was sind gute Voraussetzungen für Begegnungen?

Der Wille zur Begegnung allein ist die Grundvoraussetzung. Ich bemühe mich, den Menschen vorurteilsfrei zu begegnen und ohne große Erwartung. Dank dieser Fähigkeit ist es mir in meinem Leben gelungen, sehr viele österreichische Freunde zu gewinnen. Wenn man sich vorurteilsfrei begegnet, kann Freundschaft und Liebe entstehen. Das ist für mich das wichtigste. Deswegen kann ich das auch jedem empfehlen.

Du bist Obmann im Verein Arcobaleno, der sehr viel Arbeit im Kontext Flüchtlingsbetreuung und -bildung leistet. Auch für dich persönlich als Flüchtling war der Verein ein wichtiger erster Anlaufpunkt.

Ich bin als Flüchtling aus der Türkei nach Österreich gekommen und bin ohne Deutschkenntnisse hier hergekommen. Im Arcobaleno habe ich meinen ersten Deutschkurs gemacht und die erfahrene Aufgeschlossenheit und Begegnung haben mich sehr berührt. Später habe ich in verschiedenen Vereinen Erfahrungen gesammelt und so wurde ich eines Tages angefragt, ob ich das Begegnungszentrum mit meinen Fähigkeiten und meinem Engagement unterstützen kann. Obwohl ich sehr viel zu tun hatte, dachte ich: Das ist jetzt die Zeit, jene Hilfe, dich ich damals bekommen habe, zurückzugeben und ein Kapitel meines Lebens – die Fluchtgeschichte – abzuschließen.

Welche Wirkung haben die aktuellen Geschehnisse mit den Flüchtlingen in Österreich Auswirkung auf die Arbeit im Arcobaleno und deine eigene Arbeit?

Wir haben alle Hände voll zu tun und das ist nicht nur für das Team sondern auch für die ehrenamtlichen Mitarbeiter eine neue Herausforderung, aber am Ende des Arbeitstages ist immer wieder eine Freude spürbar. Die aktuelle Entwicklung war vorhersehbar und so haben wir uns im Verein gut vorbereitet. Wir haben mit unse-rem Fördergeber immer wieder Gespräche geführt, wir haben uns umgestellt und unser Personal rund um das Thema Mehrsprachigkeit aufgestockt. Wir haben auch neue Kursräume geschaffen und Kooperationspartner gesucht. Wir konnten auch viele ehrenamtliche engagierte OberösterreicherInnen für den Verein gewinnen. Insgesamt halte ich diesen Bereich für sehr sinnvoll – nicht nur für die Menschen sondern für das Zusammenleben in Oberösterreich. Wir sind ein Modell dafür, dass Vielfalt gut funktionieren kann.

Du engagierst dich in Linz auch in der Friedensbewegung. Welche Bedeutung hat das für dich?

Linz ist offiziell eine Friedensstadt. Wie viele Städte können das von sich sagen? Mich mit diesem Bewusstsein in der Stadt zu bewegen bedeutet Lebensqualität. Deswegen engagiere ich mich aus voller Überzeugung in der Friedensbewegung und arbeite daran, dass die Botschaft in der Breite der Gesellschaft ankommt. Denn es steckt eine ungeheure Kraft hinter diesem Titel und es liegen noch viele ungenutzte Ressourcen brach. Jetzt, wo wir sehr viele neue Einheimische bekommen und in Zukunft sehr viele Freundschaften entstehen werden, finde ich es wichtig, dass wir als Friedensstadt sagen können: Wir schätzen diese Begegnung und das kosmopolitische Zusammenleben!

Welche Aktivitäten werden da gesetzt?

Ich bin in einem beratenden Gremium der Stadt Linz und wir unterstützen die Stadt Linz im Friedensbereich, damit die Botschaft an die Basis kommen kann. Das nächste Projekt wird im November 2015 kommen – City of Respect. Wir wollen im öffentlichen Raum und in öffentlichen Verkehrsmitteln Respekt groß schreiben und respektvolle Begegnung fördern. Es geht darum, wie man mit der Vielfalt in der Stadt umgeht? Auch das ist ein Herzensprojekt.

Was sind deine persönlichen Ziele für die nächste Zukunft?

Ich hoffe, dass jene Projekte, in die ich Engagement investiere, langfristig bestehen und dass sie immer vielfältiger werden. Ich wünsche mir, dass hier nach einigen Jahren immer wieder neue erfrischende Menschen vorne stehen und einen neuen Wind hinein bringen.

Du möchtest deine Projekte also immer wieder mal loslassen…

Es gibt sehr viele interessante Menschen an der Basis und es ist gut, wenn diese Menschen Verantwortung übernehmen können. Vor allem: die machen es teilweise viel besser als man selber. Ab und zu muss man „Hebamme“ spielen, aber sobald das „Baby“ geboren ist gibt es andere, die es großziehen. Die Gesellschaft ist so was von solidarisch und geschickt!

Du siehst dich also primär als jemand, der Projekte initiiert und etwas in die Welt bringt.

Genau. Es ist gut, wenn man nicht immer dasselbe macht. Dann kann Vielfalt im Leben entstehen.

Zum Thema Begegnung noch eine Frage: du bist nicht auf Facebook?

Nein.

… weil dort Begegnung nicht stattfindet?

Nein, ganz im Gegenteil! Ich möchte die sozialen Medien nicht verteufeln und die Instrumente sind mir auch nicht fremd. Ich bin in dieser Begegnungshinsicht nur etwas altmodisch. Wenn ich etwas zu sagen habe, dann rufe ich die Menschen einfach lieber persönlich an. Ich möchte ihre Stimmen hören und sie auch so oft wie möglich persönlich treffen. Für mich sind die unmittelbaren Gespräche einfach wertvoller, sie geben mir Kraft. Eine Begegnung sollte immer auch die Sinnesorgane ansprechen – ob das Geschmack, Geruch oder eine Berührung ist. Nur so kann sie im Gedächtnis oder im Herzen bleiben. Ich bezeichne das als würdevolle Begegnung.

Danke für das Gespräch!

Artikelbild von José Pozo

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