Survival of the fittest?

 

choose one. möchte Menschen, Ideen und Visionen verbinden, um über Grenzen hinauszudenken. Das versuchen wir neuerdings mit „Wohnzimmergesprächen“, die im privaten Rahmen mit exklusivem Publikum – Freunde, KollegInnen und Bekannte – stattfinden. Im Mittelpunkt des ersten Gesprächs standen Ende September „Psychisch erkrankte Jugendliche im System-Dschungel“. Es ging um überholte Devisen, kafkaeske Geschichten und Beziehungsfähigkeit als Grundvoraussetzung:

Ich arbeite seit  Anfang 2013 in einem niederschwelligen Projekt für Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. Nach und nach lerne ich die Lebensrealität dieser Jugendlichen kennen und beginne zu erahnen, was es bedeutet, in einer leistungsorientierten Gesellschaft unstabil, nicht arbeitsfähig und alles andere als angepasst zu sein. Dazu mit einem verwirrenden Systemdschungel konfrontiert zu sein. Meine Betroffenheit steigt. „We can DO something!“ höre ich von der Hauptfigur Amy in der US-amerikanischen Serie Enlightened. Die Idee einer Gesprächsrunde mit Personen, die auf der Seite dieser Jugendlichen stehen, entsteht.

Der Systemdschungel

Er existiert. Wuchert und wird immer unübersichtlicher. Alleine die arbeitsmarktintegrative Projektlandschaft zeichnet das Bild einer Sozialmaschinerie, die von Jugendlichen, Angehörigen und von ProfessionistInnen immer weniger verstehbar wird. Die Fantasie taucht auf: Ist diese Verwirrung Kalkül? Um Konkurrenz unter den Projekten zu schüren, Vernetzung zu erschweren, die Personalkosten zu drücken? Oder ist das Zurechtkommen im Dschungel für die Betroffenen schon Teil des Wettbewerbs „survival oft he fittest“? Nur die Besten der Kranken kommen in ein Projekt? Diejenigen, die den zu erfüllenden Vemittlungsquoten am meisten entgegenkommen? Oder werden am Ende nur diejenigen gefördert, bei denen die Chancen möglichst hoch stehen, „vernünftig“ zu werden, wie es die Aufklärer nannten?

An der Quelle kafkaesker Geschichten sitzen unsere heutigen special guests Claudia Hochedlinger (promente work.box) und Peter Wagner (Jugendpsychiatrie LNK Wagner Jauregg). Erzählt werden Geschichten von Jugendlichen, die von Bundesland zu Bundesland gereicht werden, da aufgrund massiver Verhaltensstörung keine Einrichtung mehr mit ihnen will. In der Notschlafstelle „übergangsweise“ ein Jahr leben ohne Perspektive, festgehangen im Systemdschungel, in Unklarheit über den nächsten Wohnort – eine gute Ausgangslage, sich um einen Ausbildungsplatz zu kümmern? Wo stehen diese Jugendlichen im Wettbewerb „survival of the fittest“?

FIT for life

Fit. Auf dieses Wort stößt man in arbeitsmarktintegrativen Projekten unweigerlich. Google zeigt erst eine Reihe von Beratungs- und Sozialprojekten an, dann Fitnessstudios. Als Quereinsteigerin hat mich dieser Begriff und die dahinterstehende Haltung erst einmal sprachlos gemacht. Da gibt es Teilnehmende, die fit sind und welche, die es nicht sind, es gibt Trainings, durch die man fit for life wird und man wird fit to work (gemacht). Als ich das Wort in unserer Gesprächsrunde in den Raum stelle, löst es einerseits Gelächter, andererseits Ächzen und Geschnaufe aus. Ein Gast bekommt das dringende Bedürfnis nach einem Bier. Dieses Wort scheint nicht nur mich nervös zu machen.

Selbstbewusst, stabil, eigeninitiativ, flexibel, kritikfähig und selbstständig sollte man sein, um am Arbeitsmarkt mithalten zu können. Claudia begleitet in der work.box gerne Jugendliche dabei, selbstständig zu werden. Aber wollen wir unsere Jugend wirklich zum Fit-sein, zum Mithalten um jeden Preis motivieren? Was heißt „Fit“ eigentlich? Leistungsfähig, „brauchbar“? Die Anforderungen steigen, gleichzeitig sinkt die Sicherheit, einen  Arbeitsplatz länger als zwei Jahre behalten zu können. Sollten unserer Jugend in Zeiten von „Burn out“ statt dem FIT-Gedanken nicht eher beibringen, auf sich zu Acht zugeben?

Sand im Getriebe

Bildung scheint immer weniger wert zu sein, die Jobsicherheit sinkt, die Anforderungen an junge ArbeitnehmerInnen steigen. Ein Drittel aller Lehrstellen werden abgebrochen, berichtet uns Peter, der Lehrbetrieb verliere immer mehr an sozialer Funktion. Unser Leben wir immer schneller und reicher an Gefahren. Für junge Menschen gibt es kaum Vorbilder, mit all dem umzugehen, da viele Themen noch zu neu dafür sind (Neue Medien, illegale Drogen, …). Auf wen oder was kann man sich so noch wirklich verlassen? So wie sich unsere Gesellschaft rasend schnell verändert, verändert sich auch unsere Jugend mit.

Wie müsste sich nun unser Arbeitsmarkt verändern und an die Bedürfnisse der Jugendlichen anpassen? Die massiven Verhaltensweisen unangepasster Jugendlicher stellen uns vor viele Fragen, vielleicht sind darin aber auch schon Antworten enthalten? Rückhalt, Beziehungen, ehrliche Auseinandersetzung und Konfrontation, Zivilcourage, soziale Verantwortung – nach welchen Werten außer Leistung und Konsum sehnen sich junge Menschen?

Das perfekte Projekt

Der Systemdschungel arrangiert sich mit den Fragen, die Jugendliche mit ihrem Verhalten stellen, indem am laufenden Band neue Jugendprojekte produziert werden. Eine verwirrende Auswahl steht zu Verfügung. Um auszubügeln, was eine Gesellschaft mit neoliberalen Tendenzen den Jugendlichen immer weniger bieten kann. In unserer Runde drängt sich die Frage nach den Werten auf, die „Idealprojekt“ vermittelt werden könnten. Sieht man sich die Anzahl an Jugendlichen an, die an sozialen Ängsten leiden, durch Mobbingerfahrungen geprägt sind oder 24 h ihres Tages in ihrem Zimmer vorm Computer verbringen, scheint es uns in diesem Gespräch eindeutig, dass Beziehungsfähigkeit ganz oben bei den zu erlernenden Fähigkeiten steht. Konfliktfähigkeit, Selbstwirksamkeit, soziale Kompetenzen. Viel Zeit müsste zur Verfügung stehen, um eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Um im Experimentcharakter sich selbst, die eigene Kreativität kennenzulernen. Lernen sollte nicht als Zwang, sondern als wertvoll erlebt werden können. Es müsste auch für BetreuerInnen, TrainerInnen genug Freiraum gewährleistet sein, um im ständigen Dialog mit den Jugendlichen dem möglichst nahe zu kommen was diese brauchen – anstatt vorgefertigten Konzepten folgen zu müssen. Um Beziehungsfähigkeit und Stabilität vorleben zu können, müssten bessere Arbeitsbedingungen fürs Personal vorhanden sein. Sichere Arbeitsverträge und angemessene Bezahlung könnte Frustration und ständigem Personalwechsel vorbeugen. Räume schaffen – frei vom FIT-Gedanken – in denen Respekt und Wertschätzung im Vordergrund stehen.

Danke unseren Gästen am 30.09.2013, die Think-Tank-artig aus den Bereichen freie Wirtschaft, Politik, Bildender Kunst, Kulturmanagement, Pädagogik und Psychosozialem Feld zu diesem Text beigetragen haben. Meiner Meinung nach könnte eine solche Mischung revolutionäre Konzepte entwickeln, die Welt zu ändern: Claudia Hochedlinger, Peter Wagner, Christiane Sighart, Daniela Zucali, Elisa Andessner, Sabine Traxler, Ignaz Leonhartsberger.

Beitragsbild: © C Falk / PIXELIO

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