Vom Bedürfnis, Möglichkeiten gesellschaftlichen Wandels zu besprechen

 

Am 23. November organisiert die KUPF Kulturplattform OÖ das offcamp13. Es ist die zweite Auflage der offenen Konferenz, die sich an der Barcamp-Methode orientiert und in diesem Jahr die Frage stellt: „Wie gestalten wir Wandel?“. Eingeladen sind Menschen und Initiativen aus Kultur und Aktivismus. Ich habe mich mit den KUPF ProtagonistInnen Klemens Pilsl und Victoria Schuster über kulturelle Nahversorgung in Oberösterreich unterhalten. Dem erstarkten Bedürfnis, gesellschaftliche Veränderungen zu besprechen, sind wir ebenso nachgegangen. KUPF-Geschäftsführer Richard Schachinger hat sich am Ende des Gesprächs kurz „eingeklinkt“.

Ist die „kulturelle Nahversorgung“ in Oberösterreich gewährleistet? Ottensheim ist ja eines der Vorzeigebeispiele für einen Ort, wo es recht gut klappt …

Victoria: Ich kann mich in Ottensheim glücklich schätzen, weil ich als Ansässige das Gefühl habe, dass die kulturelle Nahversorgung tatsächlich recht gut gedeckt ist. Es gibt Abende, wo man sich zwischen drei verschiedenen Veranstaltungen in drei verschiedenen Genres entscheiden kann.

Klemens: Aus der Sicht der KUPF ist die Nahversorgung nicht überall so optimal. Kulturelle Nahversorgung ist ein Begriff, der nicht eindeutig definiert ist. Wenn man Nahversorgung auf einem basalen Prinzip verstehen will, gibt es vermutlich in Oberösterreich überall eine Tankstelle und im Umkreis von 50 Kilometer ein Großraumkino. Kulturarbeit im KUPF’schen Sinne, die partizipative Ansätze, Selbstverwaltung und Identitätsstiftung zum Inhalt hat, ist nicht überall gleich gut gewährleistet. Da sehen wir schon eine Konzentration auf einige Zentren – Linz, aber auch andere Städte, in der es eine freie Szene gibt. (…) Andererseits muss man sagen, dass es Gegenden gibt, wo es schlechter aussieht. Ich glaube im Innviertel muss man etliche Kilometer auf sich nehmen, um zu so einem Spot zu kommen.

Die Leute sind heute ja relativ mobil. Ist es weiterhin wichtig, dass auch in kleineren Orten kulturelle Nahversorgung stattfindet? Soll man nicht vielleicht sogar zentralistischer arbeiten?

Klemens: Es wird ohnehin sehr zentralistisch gearbeitet. Nämlich dadurch, dass durch die österreichische Subventionspolitik Zentren bevorzugt werden gegenüber den Regionen. Man findet in Wien die größte Häufung an Subventionsnehmern und je spärlicher die Einwohnerzahlen werden, desto spärlicher werden auch die Subventionszahlen. Es muss nicht in jedem Ort ein Musiktheater geben, aber zwischen der vorher von mir genannten Tankstelle und einem sogenannten Leuchtturm wie einem Musiktheater ist eine große Bandbreite. Es ist für Regionen, als politische und identitätsstiftende Einheiten wichtig, dass es ein gewisses kulturelles Angebot gibt. Einerseits aus sehr pragmatischen Gründen, um die Menschen in der Region zu halten und zu verhindern, dass die Kids sofort abhauen. Natürlich hat das mit Bildung und Jobs zu tun, aber auch Kultur ist hier ein wichtiger Faktor. Also da geht es wirklich darum, dass die Regionen sich ein Stück Identität herausarbeiten und damit attraktiv bleiben für die eigenen Menschen. Natürlich haben auch Leute, die in ganz kleinen Dörfern leben, ein Recht darauf, mit einem kritischen Diskurs versorgt oder mit schwierigen, guten neuen Ästhetiken konfrontiert werden.

Neben Ottensheim fallen mir auch noch Regionen wie Vöcklabruck und Umgebung oder das Salzkammergut ein – wo man das Gefühl hat: hier entsteht etwas. Welche Grundlagen braucht es, damit so eine Kulturarbeit wachsen kann?

Victoria: Als erstes braucht es natürlich die Handvoll Leute, die das antreiben. Am besten drei Hände voll, nicht nur eine Handvoll. Interesse in verschiedenen Bereichen. Bei uns ist das so, dass es verschiedene Menschen gibt, die selbst in der Kunst- und Kulturszene tätig sind, die immer wieder neue Sichtweisen, Aspekte oder Ideen einbringen und dadurch entstehen dann wieder neue Geschichten. Da kommt jemand von einer Tour und meint: „Hey ich habe die Band kennengelernt, die könnten wir ja einladen!“. Oder es hört jemand einen Vortrag und es wäre gut, wenn der nicht nur in Wien oder in Linz oder in Wels an die Menschen gelangt, sondern auch hier in Ottensheim. Ideale Voraussetzung für einen regelmäßigen Kulturbetrieb ist ein Raum. In dem Verein, in dem ich tätig bin, gibt es das nicht, aber es funktioniert trotzdem ganz gut. Dann braucht es natürlich eine gewisse Art von Regelmäßigkeit. Wenn man einmal im Jahr was macht ist das super. Wenn man alle paar Wochen was macht und die Leute merken „ok da tut sich was, die sind engagiert, die machen interessante Sachen, die machen ein abwechslungsreiches Programm …“, dann bekommt man einen Ruf in irgendeine Richtung und kann sich als Verein oder als Veranstalter etablieren .

Die KUPF erachtet Kulturarbeit als wichtigen Beitrag für regionale Entwicklung. Das Thema gewinnt jetzt eine zusätzliche Bedeutung, weil das neue EU LEADER-Programm in Vorbereitung ist. Was ist davon zu erwarten? Wie realistisch ist es, dass sich aus dieser Neugestaltung des LEADER-Programms auch für Kulturvereine neue Handlungsmöglichkeiten ergeben?

Klemens: Prinzipiell können wir das noch nicht zur Gänze beantworten, weil wir nicht wissen, wie die nächste LEADER-Periode aussehen wird. Wir wissen, dass sich mehrere Gebietskörperschaften und Ebenen von Brüssel bis nach Linz durchsetzen müssen, bevor die Regionen zum Zug kommen. Wie du vorher gesagt hast, haben wir das Vertrauen, dass Kultur etwas für die ganze Region leistet. Da stellt sich die Frage, welche Art von Leistung Kultur erbringen möchte und kann. In der KUPF-Tradition wollte man mit Kulturarbeit ursprünglich Vorarbeit für eine politisch Öffnung, vielleicht sogar für eine Revolution leisten. Heute ist Kulturarbeit viel enger normiert. Mittlerweile muss sie auch rentabel sein – Touristen in die Region lockt, Brain Drain verhindern … Die Frage ist, wie es der KUPF oder andere Protagonisten und Protagonistinnen der Zivilgesellschaft gelingt, nicht nur diese unmittelbare Wirtschaftlichkeit in den Leader-Topf hinein zu reklamieren, sondern das zivilgesellschaftliche Engagement.

Das LEADER-Programm ist ein Thema für dieses offcamp, das im November stattfinden wird. Inhaltlicher Faden ist auch der Schwerpunkt „Transition“ – also um Wandel, Veränderung. Das ist natürlich auch gesamtgesellschaftlich ein zentrales Thema. Braucht Kulturarbeit generell und in Oberösterreich neue Visionen, neue Blickrichtungen? Was ist die Herausforderung für so eine Konferenz?

Klemens: Braucht Kulturarbeit Visionen? Schwierige Frage. Ich glaube, dass jeder gesellschaftliche Teilbereich eine gesunde Mischung aus pragmatischen und visionären Menschen braucht. Für eine Institution wie die KUPF ist so ein experimentelles Format, wie das offcamp sicher eine Möglichkeit, einen bewährten Pragmatismus kurz zu verlassen und Visionen zu entwickeln. Ich glaube, dass wir eine Sehnsucht nach Visionen haben und bei uns selber oder in der freien Kulturarbeit einen Innovationsbedarf identifizieren. Die Szene steht in ihrer Gesamtheit ein bisschen an. Die Gesamtgesellschaft ändert sich so rasant, dass manche Vereine und Initiativen mit ihrem Verständnis vielleicht nicht mehr nachkommen. Beziehungsweise, wenn neue gesellschaftliche Formen entstehen, dann muss oder darf auch Kunst und Kultur wie in einer dunklen Höhle tappen und im Idealfall gelingt es, Höhlen aufzubohren und zu verbohren.

Welche Rolle kann das offcamp spielen? Welcher Schwung soll entstehen?

Richard: Eine Grundidee vom offcamp ist es, AkteurInnen zusammenzubringen, die durch ihre alltägliche Praxis einen Erfahrungsschatz mitbringen. Weil Kulturarbeit auch Regionalentwicklung ist und sehr viele bürokratische Prozesse gerade am Wegstarten sind, stellt sich die Frage, welche Allianzen fruchtbar sein könnten? Welche Wege beschreiten andere? Es geht durchaus darum mögliche Skizzen für neue Wege aufzuzeigen. Vision ist ein starkes Wort. Ob es gelingt eine gemeinsame Vision zu finden? – Zumindest „Anhalte-Bilder“.

Klemens: Anhalte-Bild ist ein schönes Wort! Das offcamp ist ein Forum, wo wir Neues anhören und ausprobieren – gerade, wenn man sich wie die KUPF in der freien Szene institutionalisiert hat, dann ist das eine sehr wichtige und sehr regelmäßige Aufgabe.

Der Untertitel des offcamps lautet: „Wie gestalten wir Wandel?“ – Ja, wie macht man denn das?

Klemens: Darauf habe ich keine Antwort, sonst müssten wir kein offcamp machen. Es gibt ein Bedürfnis, dass man die Möglichkeiten gesellschaftlicher Änderungen bespricht. Nicht nur die Änderungen, die automatisch mit uns passieren – Misik (Anm.: Robert Misik, Autor und Journalist) nennt das die automatische Welt, wo man nichts mehr machen kann. Auch im Kulturbereich ist diese Angst-Gefühl spürbar. Es geht also um Veränderung, die wir anschieben können. Wir sind zwar vielleicht nicht besonders stark, aber keinesfalls machtlos! Das offcamp soll den Leuten bewusst machen, dass sie mächtig sind, den Wandel und Veränderung in ihrer Umgebung loszutreten – unter ganz bestimmten Voraussetzungen und mit bestimmten Zielen. Das kann ein ganz banales Thema sein: „Wie ich will in meinem Dorf, dass wieder ein gutes Verhältnis zwischen den langhaarigen Kulturveranstaltern und der Stadt bzw. Ortspolitik vorliegt? oder auch größere Themen; zum Beispiel: „Wie bekomme ich das Land OÖ dazu, dass Kunst- und Kulturprojekte LEADER-förderungswürdig werden?“

Es geht um eine gute Balance zwischen einem visionären Ansatz, der nach vorne geht und einer pragmatischen Praxis, welche die Umsetzung vor Augen hat?

Klemens: Ich denke, genau das verspricht Transition Management. Es gibt eine Handvoll Werkzeuge oder Tools, mit denen man versuchen kann, eine ganz bestimmte, konkrete Geschichte zu erreichen und sich schrittweise darauf zuzubewegen. Oder je nach Werkzeug, zurückblickend sich heranzuarbeiten. In unserer Welt sind solche Werkzeuge Goldes wert.

Das heißt es geht einerseits um Techniken und Ansätze, deswegen auch Impulse, die wir uns organisiert haben zu diesen Techniken; andererseits aber auch um eine konkrete Arbeit zu Visionen, Bildern, Anhaltebildern. Gibt es noch was, was in dem Kontext aus unserer Perspektive noch wichtig ist?

Klemens: Vielleicht sollte man zum jetzigen Zeitpunkt schon erwähnen, dass es – obwohl sich das offcamp am Barcamp-Format orientiert –  schon ein paar wenige Fixstarter und Fixstarterinnen gibt, die Workshops gestalten werden oder zumindest mit uns streiten und diskutieren werden. Ich möchte auf Martin Hollinetz von der Otelo-„Armee“ verweisen. Ich möchte auch auf unsere Gäste aus Bremen verweisen, eine Gruppe von der Zwischenzeit-Zentrale Bremen – ein sehr humorvolles und hochprofessionelles Leerstandbespielungs-Team. Wir haben Silvia Amann von der Agentur Inforelais, die mit hoher Professionalität an Kultur- und EU-Projekten arbeitet. Und natürliche haben wir wieder unsere engen Freunde und Freundinnen von Linzer Institut für qualitative Analysen, von LIquA, die uns tatsächlich die Werkzeuge aus dem Transition Management in einzelnen Workshops um die Ohren schmeißen werden.

Ich danke euch allen für das aufschlussreiche Gespräch!

(Artikelbild „offcamp 2012“ von Michael Straub)

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