Werner Zangerle: „Die ganze Welt reinpacken!“

 

„Panto“ heißt das zweite Album des Saxophonisten und Komponisten Werner Zangerle und es kommt in dieser Woche auf den Markt! Live zu sehen sind “Werner Zangerle 4″ ab Dienstag in OÖ, Salzburg, Wien, Kärnten und Bayern. Ich kenne Werner schon seit über 15 Jahren und verfolge seine musikalische Laufbahn mit großem Interesse. Auf einem Zwischenstopp in Linz habe ich die Gelegenheit, mit ihm über das neue Album und sein Leben von und mit der Musik zu sprechen. Ums Geschäft ging es auch …

Schön, dass wir die Gelegenheit haben, uns noch vor dem Release deines neuen Albums zu unterhalten! Du bist vor zweieinhalb Jahren von Linz nach Wien gezogen. Dabei war Musik war der ausschlaggebende Grund, nicht wahr?

Ja. Es ist zwar relativ nett, in Linz zu wohnen und es gibt auch in manchen Bereichen eine interessante Szene. Die meisten Musikstudenten verlassen die Stadt aber nach ihrem Studium – eine größere relativ stabile Szene kann sich so nicht wirklich bilden. Wenn man Musik machen und nicht irgendwo mehr oder weniger alleine sitzen möchte und ein größeres Umfeld braucht, um sich auszutauschen, dann muss man in Österreich nach Wien ziehen. Für mich stellt sich das momentan einfach so dar. In Wien gibt’s einfach viele Leute, die in sehr vielen Musikrichtungen unterwegs sind. Dabei spreche ich von Jazz und Artverwandtem.

Inwiefern hat sich deine “Relokalisierung” schon bewährt?

Ich fühle mich sehr wohl in Wien. Nachdem man 10 Jahre in einer Stadt gewohnt hat, bringt allein schon die Veränderung an sich viel neue Energie. Einige Kontakte könnte ich natürlich noch aktiver angehen und in der Stadt noch präsenter sein. Aber mehr geht momentan einfach nicht. Nein, ich bereue die Entscheidung, nach Wien zu ziehen, nicht!

Du hast 2007 dein Debüt „Nucleus“ veröffentlicht. Ich habe das Album seither immer wieder angehört. Für mich sind deine Kompositionen wirklich eine Art Balsam – sehr sanft und es liegt sehr viel Gefühl drinnen. Wie entstehen solche Kompositionen?

Als die Stücke für Nucleus entstanden sind, war meine Grundstimmung eher die, dass ich einen Ruhepol gebraucht habe. Wenn schon rund um uns herum alles so hektisch und wahnsinnig ist, dann soll wenigstens die Musik Ruhe ausstrahlen. Meine Stimmung beim Komponieren ist ganz unterschiedlich. Oft funktioniert es recht gut, wenn ich am Morgen einfach etwas früher aufstehe, mich ans Klavier setze und eine Melodie singe … dann entwickelt sich das irgendwo hin. Teilweise funktioniert das so gut, dass ein Stück dabei rauskommt und dann auch ziemlich schnell fertig ist. Stücke, an denen ich lange basteln muss, werden oft eh nichts.

Intuition spielt also eine große Rolle?

Ja, auch wenn irgendwas konstruiert ist, dann passiert das spontan und aus dem Bauch heraus. Ich setze mich nicht hin um ein Stück zu schreiben und sage: „das wird jetzt so und so“, beziehungsweise wenn ich das so mache, kommt meistens nichts Gutes dabei heraus. Was auch sehr gut funktioniert: Wenn ich etwas Bestimmtes komponieren muss und ich arbeite daran und es wird und wird nichts, dann kommen dafür drei andere Stücke einfach so daher, die mit dem, was ich eigentlich machen wollte, gar nichts zu tun haben.

Jetzt ist dein neues Album „Panto“ in den Startlöchern. Ich durfte schon kurz reinhören. Für mich klingt es überraschend heiter. Was ist neu, was ist anders an „Panto“?

Es ist schon viel passiert in diesen fünf Jahren. Musikalisch habe ich mich sicher weiterentwickelt, vielleicht bin ich auch reifer geworden. Mein Ausdrucksspektrum ist vielfältiger geworden und ich denke, ich kann dadurch in der Musik auch mehr transportieren. Das ist auch das Resultat vieler anderer Projekte wie Braaz oder dem Trio Zavocc, die musikalisch in eine ganz andere Richtung gehen. Wenn man viel spielt und Musik macht lernt man einfach und entwickelt sich weiter. Insgesamt finde ich, dass das Album musikmäßig etwas homogener und kompakter ist als das erste. Die Qualität der Stücke, damit meine ich die Kompositinen, ist höher.

Wie hat sich die Band entwickelt, die auf deinen Alben spielt?

Zuerst einmal: Ich freue mich total, dass die drei dabei sind! Matthias Löscher war schon auf der Nucleus dabei und mit Matthias Pichler und Klemens Marktl habe ich jetzt wieder eine „bomben“ Rhythmusgruppe. Die können alles, die machen alles. Da brauche ich selber gar nicht mehr gut spielen! (lacht). Da klingt einfach alles gut. Bei der Band habe ich selten einen Masterplan – das ist einfach die Band, die von mir komponierte Stücke spielt. Die Musik ist aber sicherlich weniger experimentell und mehr melodie- und songorientierter als in anderen Bands, bei denen ich beteiligt bin.

Was heißt eigentlich „Panto“?

Das ist eine griechische Vorsilbe die „alles“ oder „allumfassend“ bedeutet. Das hat mir recht gut gefallen. Das erste Album der Nucleus und beim nächsten gleich die ganze Welt reinpacken – etwas größenwahnsinnig! Das finde ich lustig.

Aber eigentlich gefällt mir die Silbe „Panto“ sehr gut, vom Klang. Darauf gekommen bin ich, als ich eine neue Brille gesucht habe. Ich wollte keine eckige Brille mehr sondern eine gerundete. Es gibt diese ganz runden Architektenbrillen und davon eine leicht abgeschwächte Version – und diese Form heißt einfach „Panto“. Weil die Brillengläser genau die gleiche Rundung haben wie die Augenhöhlen und man rundherum schauen kann und alles sieht ohne die Ränder im Blickfeld zu haben.

Du hast vor kurzem ein eigenes Label „Listen Closely“ gegründet. Was versprichst du dir davon?

Mir gefällt der Gedanke, dass ich alle meine Aktivitäten unter einem Schirm vereinen kann. Außerdem: die Zusammenarbeit mit den Labels, die bisher meine Sachen herausgebracht haben, war zwar sehr gut, aber ich habe mir gedacht: Das kann ich bis zu einem gewissen Grad auch selber. Am Musikmarkt ist momentan sowieso alles im Umbruch und auch die mittelgroßen Labels haben ihre Probleme und wissen genau so wenig wie es weiter gehen soll. Darum gibt es immer mehr kleine Labels; es ist leichter geworden, dass man etwas rausbringt. Diese Demokratisierung finde ich sehr schön. Man könnte es auch als Problem sehen, dass irrsinnig viel Musik veröffentlicht wird und der Markt überschwemmt ist. Aber ich bin ja genau ein Teil davon – das passt schon.

Veröffentlichst du auf dem Label nur deine Projekte?

Ich habe mir gedacht: wenn ich schon ein eigenes Label mache, dann soll es auch eine Plattform für andere Bands sein. Meine persönlichen Ressourcen sind natürlich begrenzt und ich mache das nicht full time. Ich versuche aber, möglichst viel zu erreichen für die Bands, die ich herausbringe.

Der von dir angesprochene Umbruch beziehungsweise das Umdenken durch die Praxis im Netz wird momentan auch medial intensiv besprochen. In Österreich konnte man den Konflikt rund um das Thema gut anhand der Auseinandersetzung der Initiativen „Kunst hat Recht“ und „Kunst gegen Überwachung“ mitverfolgen.

Wissen tut ja keiner, wie es weitergeht. Manche meinen es zu wissen. Da gibt es einen sehr unüberschaubaren Wald aus Meinungen. Der letzte Trend ist “Spotify” und andere Streamingplattformen, die durch ihre günstigen Services auf der einen Seite Raubkopien eindämmen. Auf der anderen Seite verkaufen die gelisteten Labels dann sonst nichts mehr. So weit ich weiß, sind in den meisten Märkten, wo “Spotifiy” aufgetreten ist, die CD-Verkäufe rapide zurückgegangen. Gleichzeitig bekommen die Musiker fast nichts ausgezahlt bei diesem Modell. Da braucht es schon 100.000 Zugriffe, um mal ein bisschen was rauszukriegen. Das Modell ist derzeit also nicht gerade auf ein kleines Label mit Nischenmusik ausgerichtet.

Und wie soll man diese Musik zukünftig finanzieren?

Vielleicht entwickeln sich die Streaming-Plattformen in eine Richtung, wo Musiker und Labels mehr herausbekommen. Momentan ist es aber nicht besonders interessant. Viele Indie-Labels haben sich auch heraus optiert. Das werde ich auch machen. Ich mag da nicht drinnen sein. Aktuell verkaufen die Bands einfach noch das meiste von der Bühne. Wenn das dann auch noch wegfällt, weil die Musik sowieso in der „Cloud“ verfügbar ist, gibt es überhaupt keine Möglichkeit mehr als Band oder Musiker, damit was zu verdienen.

Eine letzte Bastion, die fällt?

Eine verbreitete Einstellung momentan ist ja, dass, wenn ein Musikfile kopiert wird, ja niemandem etwas weggenommen wird. Dazu sage ich: „Ja … aber nein“. Ich bin einfach dafür, wenn man Musik hört und sie einem gefällt, dass es selbstverständlich sein sollte, dass man dem Künstler etwas zukommen lässt. Die Künstler haben viel Zeit, Herzblut und Geld investiert. Man macht das sicherlich mit einer gehörigen Portion Idealismus, aber nicht, weil man ein Samariter ist. Die andere Frage ist natürlich auch die, ob das in meiner musikalischen Nische und mit meiner, sagen wir mal – geringen Popularität -, überhaupt zu tragen kommt.

Jetzt sprechen wir vom Geschäft. Wie ist eigentlich das Verhältnis von Business und Kunst in deinem Alltag?

Das ist eigentlich ziemlich traurig. Für die paar Konzerte, die man spielt, muss man unglaublich viel Zeit investieren. Der administrative Aufwand ist heftig. Es gehört aber einfach dazu. Am liebsten würde ich aber gerne hauptsächlich Zeit haben, Musik zu machen, Saxophon zu üben und zu komponieren, zu lernen. Und das ist es halt gar nicht.

Wie lässt sich Musikerleben und Familienleben kombinieren?

Ich verdiene mein Geld durchs Lehren und Spielen von Konzerten. Ich arbeite von zuhause, übe zuhause und bin auch viel daheim – wahrscheinlich mehr als ein Vater, der einen „normalen“ Job hat. Das heißt, ich arbeite zwar viel, bin aber trotzdem präsent und habe Zeit für Kinder und Familie.

Vor kurzem hast du unter dem Titel „Gute Antworten auf blöde Fragen“ dieses Zitat gepostet: „Und kannst du von der Musik leben? – Ich lebe mit der Musik!“

Das ist nicht von mir sondern vom Pianisten Georg Vogl. Wir haben auf der gleichen Veranstaltung gespielt und ein ehemaliger Professor von seinem Musikgymnasium hat diese Frage nach dem Konzert gestellt. Ich habe seine Antwort so was von großartig empfunden. Darum geht es nämlich: Dass man mit der Musik lebt! … Das hat er gut gesagt, der Georg Vogl.

Tourdates Werner Zangerle 4 (ab 24. April 2012)
www.wernerzangerle.com
Listen Closely Label-Site

Foto von Anna Zangerle

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